Dienstag, 18. September 2012

Schönefeld: Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Schönste, was es gibt auf der Welt.

Der Berliner IHK-Präsident Eric Schweitzer verteidigt den Aufsichtsratsvorsitzenden Klaus Wowereit.


Schoenefeld_160912
Kommt er oder kommt er nicht, der "modernste" Flughafen Europas?

Während die Zahl der BER-Witze inzwischen Legion (ursprünglich: Römische Heereseinheit mit 3000–6000 Soldaten) ist, und jüngst in der B.Z. ein Friedhofs-Witz ("Großflughafen BER, halb so groß wie der Friedhof von San Francisco, doppelt so tot") seine Neuauflage feierte, schien die Zahl der Freunde von Klaus Wowereit in der letzten Zeit doch stark abgenommen zu haben.

Umfragewerte sanken, und auch die schonungslose Selbstkritik des Regierenden Bürgermeisters und Aufsichtsratsvorsitzenden der Flughafen Berlin Brandenburg GmbH (FBB), Klaus Wowereit, im Berliner Abgeordnetenhaus ("... es sind Fehler gemacht worden, auch große und ärgerliche!") brachte KW vom politischen Gegner und der Öffentlichkeit nur Häme ein.

Damit ist nun Schluß!

Laut "Tagesspiegel" vom 17.9.12, "Wirtschaft stellt sich hinter Wowereit", sprang nun mit dem Präsidenten der IHK-Berlin, Eric Schweitzer, KW ein wahrer Freund mit den folgenden Worten zur Seite:

„Klaus Wowereit trägt keine persönliche Schuld, und er hat als Aufsichtsratsvorsitzender, soweit ich das beurteilen kann, keine entscheidenden Fehler gemacht“.

Und:

Als der Eröffnungstermin im Mai abgesagt wurde, habe sich Wowereit "sofort und intensiv auf die Suche nach den Ursachen gemacht und die richtigen Konsequenzen gezogen."

Diese Worte kommen einem vor wie die Stellungnahme eines Fußballtrainers, dessen Mannschaft gerade nach hecktischen Umstellungen und Auswechslungen 0:7 vor heimischem Publikum verloren hat, und der anschließend von „vielen guten Ansätzen“ spricht. Fußball-Kommentatoren sagen dann deutlich, daß der Trainer wohl ein anderes Spiel gesehen haben muß.

Ähnlich verhält es sich mit den Aussagen des Berliner IHK-Präsidenten.

Wir möchten daher Herrn Schweitzer nur noch einmal stichpunktartig an die großartige und „fehlerfreie“ Arbeit des Aufsichtsratsvorsitzenden KW erinnern:
  • Der offensichtlich überforderte Flughafenchef Schwarz wurde von KW ausgesucht und mit einem fürstlichen Gehalt bedacht.
  • Auf die Einstellung eines Geschäftsführers Finanzen wartet man bis heute.
  • Der angesehene Technikchef Thomas Weyer verließ 2008 die Flughafengesellschaft und baut jetzt die 3. Piste in MUC.
  • Fehlende Nachfragen zur Terminierung des BBI/BER, ob denn in Berlin tatsächlich schneller gebaut werden könne als beim vergleichbaren Neubauprojekt in München: In Berlin wollte man zwischen Richtfest und Inbetriebnahme nur die halbe Zeit benötigen.
  • Mangelnde Präsenz vor Ort. Laut B.Z. war der Aufsichtsrat mit seinem Vorsitzenden KW in 4 Jahren nur zweimal auf der BER-Baustelle.
  • Kein entschiedenes Vorgehen gegen die vielfach berichtete Schwarzarbeit - womit nicht die Tätigkeit des Flughafenchefs gemeint ist - auf der BER-Baustelle.
  • Schließung Tempelhofs mit der unwahren Begründung, daß eine Offenhaltung von THF zu einem Baustopp des BBI/BER führen würde. Leichtfertige Aufgabe von Reservekapazitäten in THF mit der Folge einer riskanten Überlastung von Tegel.
  • Kurz vor der Absage des BBI/BER-Eröffnungstermins 17.3.13 am 8.5.12, als die Berliner Spatzen sich schon heißer gepfiffen hatten, wurde dieser überholte Termin noch vielfach bestätigt - ohne Rücksicht auf die Planungen der gewerblichen Mieter. 

Wie heißt es doch im Lied "Ein Freund, ein guter Freund" der "Comedian Harmonists" von 1930:

"Ein Freund, ein guter Freund,
das ist das Schönste, was es gibt auf der Welt.
Ein Freund bleibt immer Freund,
und wenn die ganze Welt zusammenfällt.
Drum sei auch nicht betrübt,
wenn dein Schatz dich nicht mehr liebt.
Ein Freund, ein guter Freund,
das ist der größte Schatz, den's gibt."

Schön für KW und ES, schlecht für Berlin!

Und haben es die unvergessenen "Comedian Harmonists" verdient, mit KW und ES in einem Atemzug genannt zu werden? Nein, das haben sie nicht!

Ihr Thema-Tempelhof Team
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Montag, 17. September 2012

Königreich Spanien: Überraschender Rücktritt der Ministerpräsidentin der Region Madrid

Esperanza Aguirre.
Esperanza Aguirre, Ministerpräsidentin des Landes Madrid

Heute Mittag um 14 Uhr trat überraschend die Ministerpräsidentin des Landes Madrid, Esperanza Aguirre, zurück. Nach den persönlichen Beweggründen, die sie angeführt hatte, sind inzwischen  neuere Versionen über die Rücktrittsgründe von Esperanza Aguirre als Ministerpräsidentin der Region Madrid bekanntgeworden.

Die persönlichen Gründe, die auch verständlich wären, insbesondere, nachdem sie vor ca. einem Jahr wegen Brustkrebses operiert worden war, nach ihren eigenen Aussagen aber erfolgreich und ohne weitere Folgen, liegen politische Gründe näher.

Schon 2008, nach den Parlamentswahlen, die Mariano Rajoy damals zum zweiten Male verloren hatte, wurde Aguirre als mögliche Gegenkandidatin für den Parteitag gehandelt, um die Partei anzuführen, hatte aber nicht ausreichende Delegierte auf ihrer Seite, so daß die Sache nicht weiterbetrieben wurde.


In den letzen Wochen und Monaten wurde die Kritik Aguirres an der Regierung Rajoy stärker, insbesondere gegen die Mehrwertsteuererhöhung, die noch vor einem Jahr Aguirre und Rajoy bekämpften, als es hieß, Rodríguez Zapatero würde diese planen. Nach erfolgter Steuererhöhung krisisierte Aguirre die Entscheidung Rajoys öffentlich. Sie als Liberale sieht in Steuererhöhungen mehr Nach- als Vorteile.


Scgon die sozialistische Vorgängerregierung unter Rodríguez Zapatero zahlte der Madrider Landesregierung nicht die Steuern aus, die ihr zustanden, und Rajoy ist da nicht besser, obwohl er von der gleichen Partei ist. Bei der letzten Zahlung behielt die Zentralregierung 1 Mrd. Euro ein, und das wurde ihm von Aguirre am 3. September scharf kritisiert, denn so würde das defizit der Landesregierung erhöht.


Außerdem gab es Anfang September interne Streitigkeiten. Mayor Oreja, baskischer PP-Politiker und Innenminister unter der Regierung Aznar, der die Terroristenbande ETA stark bekämpfte, sowie Esperanza Aguirre widersetzten sich der ETA-freundlichen Politik Rajoys, die so ganz im Widerspruch zur bisherigen Politik der Volkspartei steht. Die kürzliche Genehmigung der Freilassung des ETA-Mörders und Geiselnehmers Bolinaga wegen angeblicher Endphase seiner Nierenkrebserkrankung, was durch die Gerichtsmediziner bestritten wird, hat in der PP für großen Unmut gesorgt. Dies wird die PP in den baskischen Landtagswahlen am 21. Oktober viele Stimmen kosten, denn es ist ein verrat an den Terroropfern und den PP-Wählern dort und überall. Aber auch bei den am gleichen Tag stattfindenden vorgezogenen Landtagswahlen in Galicien, wo die neue Partei des ehemaligen Banesto-Präsidenten Mario Conde, der auch Galicier ist, antritt, werden der PP sehr wahrscheinlich einen Denkzettel für die verfehlte Handhabung der Krise verpassen.


Die Landtagswahlen in Madrid im Mai 2011 gewann Aguirre zum driten Male seit 2003 mit einer historischen absoluten Mehrheit. Viele wählten Esperanza Aguirre, nicht die PP, die unter der Führung Rajoys profillos ist und keine wegweisenden Entscheidungen trifft. Solche Ergebnisse wird die PP nie mehr einfahren.


Unwahrscheinlich erscheint, daß Aguirre zusammen mit anderen unzufriedenen Leuten aus der PP eine neue Partei aufbauen wird. Wie sie selbst heute gesagt hat, dachte sie stets, die Politik sei eine vorübergehende Beschäftigung, und acht Jahre seien eigentlich genug. Aber wie das so ist, war sie am Ende 36 Jahre aktiv in der Politik:

Bis 1996 war sie Stadträtin in Madrid, unter Aznar Kultusministerin und dann auch Senats-Vorsitzende, bis sie dann 2003 Ruiz Gallardón als Ministerpräsidenten von Madrid ablöste, der zur gelciehn Zeit Oberbürgermeister der Stadt Madrid wurde, was er bis Ende 2011 blieb, als Rajoy ihn zum Justizminister ernannte (seine Nachflgerin im Amt ist Ana Botella, die Ehefrau José María Aznars).

Nachfolger Aguirres wird ihr Vize Igancio González, ein klarer Gegner Rajoys, allerdings mit viel weniger Charisma.


Eins ist klar: Aguirre hat einen guten Zeitpunkt für einen Nachfolger gewählt, der bis 2015 Zeit hat, sich bekannt und beliebt zu machen. Ihre Entscheidung ist aber auch ein Schlag ins Kontor Rajoys, denn die Folgen der verfehlten Krisenpolitik der PP-Zentralregierung bei den zwei Landtagswahlen Ende Oktober werden von Bedeutung sein und könnten eventuell verheerend für Rajoys Zukunft als Premierminister sein.



Donnerstag, 13. September 2012

Die Null steht!

Wowereit__

Die Regierungserklärung von Klaus Wowereit zum ProblemBER



Am 12. September verkündete das Bundesverfassungsgericht sein ESM-Urteil, Apple Inc. präsentierte seinen mutmaßlich nächsten Megaverkaufsschlager iPhone 5 - und heute präsentierte nun Klaus Wowereit seinen ProblemBer, unseren heißgeliebten Phantom-Flughafen 2.0.

Daß die Null steht, war lange Zeit ein Qualitätsnachweis für die effektive Verteidigungsstrategie einer Fußballmannschaft. Wenn jedoch die Null auf beiden Seiten des Doppelpunktes stand, war das immer der Beweis für einen rasenden Stillstand - und die Punkteausbeute war entsprechend mager.

Wir meinen nun, daß Klaus Wowereit ein torloses Unentschieden der schlechten Sorte zu verantworten hat, da noch nicht einmal von einem abschließenden oder nachprüfbaren Ergebnis gesprochen werden kann, obwohl die 90 Minuten + Verlängerung + Nachspielzeit + ungenauer Zeitmessung schon lange vorbei sind.

Was bot Klaus Wowereit also dem Obersten Souverän, dem Wahl-Bürger, als Erklärung für das im Brandenburger Sand vergrabene Steuergeld an?

Wenig! Angelehnt an die Werbeaussage des iPhones 5 kann man nicht unbedingt vom Größten sprechen, was den Berlinern im Zusammenhang mit der offenbar permanenten BER-Terminverschieberei passieren konnte.

Als der Regierende Bürgermeister und Aufsichtsratsvorsitzende der Flughafengesellschaft dann schließlich das Wort ergriff, ging auf die Anwesenden im Berliner Abgeordnetenhaus ein wahres Phrasengewitter nieder.

"Ja, es sind Fehler gemacht worden, auch große und ärgerliche!", war da zu hören, und Klaus Wowereit verriet der Welt, dass sich Termine nicht aus dem Votum von Politikern, sondern aus dem von Fachleuten ergeben würden, und gab somit dem katastrophalen Ablauf die erwartet schicksalshafte Note.

Und "Flughäfen dieser Größe kauft man nicht von der Stange", offenbarte Klaus Wowereit seinen Zuhörern, um "Fairness und Faktentreue" anzumahnen. Nach einer "schonungslosen Analyse" seien jetzt die entsprechenden "Handlungsbedarfe" ermittelt worden. Insgesamt bezeichnete Klaus Wowereit das Flughafenprojekt als Erfolgsgeschichte. 

Daß sich ein seit 2001 amtierender Aufsichtsratsvorsitzender in diese Allgemeinplätze flüchtet, kann nur als skandalös bezeichnet werden.

Vorab wurde bekannt, daß das vom Länderfinanzausgleich hochsubventionierte Land Berlin einen Nachtragshaushalt von 444 Millionen Euro für den BER verabschiedetet hatte, ohne daß dafür neue Schulden hatten aufgenommen werden müssen - wobei die über 60 Milliarden Euro Bestandsschulden Berlins davon selbstverständlich vollkommen unberührt blieben.

Und inklusive der bisher eingeräumten Mehrkosten von 1,2 Milliarden Euro ergibt sich ein vorläufiger Gesamtbetrag von 4,3 Milliarden Euro für den BER Schönefeld.

Als das private Bauträger-Konsortium 2003 einen Kostenvoranschlag von 4 Milliarden Euro vorlegte, brachen Wowereit & Platzeck die Gespräche ab und erklärten, den Flughafen in Eigenregie - zu einem geringeren Betrag -  errichten zu wollen.

Das Ergebnis ist jetzt zu besichtigen, und man ahnt, daß die Zukunft weitere Erhöhungen des Gesamtbetrags bringen wird - und daß auch das jetzt genannte Eröffnungsdatum weiterhin als unsicher gelten muß.     

Ihr Thema-Tempelhof Team


P. S.
Wir sind übrigens inzwischen nicht zum "Thema Wowereit" mutiert, auch wenn die gehäufte Verwendung entsprechenden Fotomaterials diese Vermutung entstehen lassen könnte.
Da aber auch die Luftverkehrspolitik in Berlin von Beginn an allein vom Regierenden Bürgermeister durchgesetzt worden ist, kommen wir an einer gehäuften Verwendung des entsprechenden Materials nicht vorbei - leider!


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Dienstag, 3. Juli 2012

Preußen in Algerien im Zuge der Kolonialisierung

Frankreich versuchte, die Kolonialmacht auch mit anderen Weißen zu festigen

Postkarte aus dem algerischen La Stidia: Ursprünglich war Brasilien
das Ziel der deutschen Auswanderer gewesen.

Algerien feiert am 3. Juli den 50. Jahrestag seiner Unabhängigkeit. Fast 7000 Deutsche hatten sich ab 1830 überreden lassen, das Siedlungswerk Frankreichs in Nordafrika zu unterstützen. Mit der Unabhängigkeit verließen die Nachkommen Algerien und gingen nach Frankreich.

Am 12. Juni 1830 landete Frankreich mit seiner Kriegsflotte und einer 37.000 Mann starken Armee an der algerischen Küste, nahm die Stadt Algier nach einer Belagerung am 4. Juli ein. Algerien wurde französische Kolonie. Um ihren Einfluß zu festigen, versuchten die französischen Kolonialbehörden, Landsleute für eine Auswanderung nach Algerien zu gewinnen und sie dort anzusiedeln. Ebenfalls mit dem Ziel, die neue Kolonie an der Nordküste Afrikas mit Franzosen zu bevölkern, beschloß die französische Nationalversammlung im September 1848 spezielle Gesetze, welche die Auswanderung in die Kolonien fördern sollten, wie beispielsweise freier Transport, freie Unterkunft und freies Ackerland in der Größenordnung zwischen zwei und zehn Hektar, kostenlose Überlassung von Vieh und Saatgut. Nur 100.000 Franzosen ließen sich von diesem Angebot bis 1870 anlocken.

Da die Bemühungen derart wenig Erfolg zeitigten, warben Auswanderungsagenten in den 1840er Jahren auch in Frankreichs Nachbarländern, den deutschen Staaten, Luxemburg, Belgien, der Schweiz für eine Auswanderung nach Algerien. Zwischen 1820 und 1882 hatten insgesamt nur 380.000 Franzosen ihre Heimat verlassen, allerdings mehr als vier Millionen Deutsche in Übersee eine neue Heimat gesucht. Viele preußische Untertanen wurden mit Tricks zur Auswanderung nach Algerien überredet. Dabei spielten die französischen Auswandererhäfen Le Havre und Dünkirchen eine wichtige Rolle.

Anfang Mai 1846 hatten sich etwa 200 arme Familien aus der Mosel- und Eifelregion und dem Trierer Raum ins nordfranzösische Dünkirchen begeben, um von dort nach Brasilien auszuwandern. In Dünkirchen mussten sie erfahren, daß für die Überfahrt nach Brasilien keine Schiffe bereitstanden und sie einem Schwindler aufgesessen waren. Eine Rückkehr in die Heimat war unmöglich; dort hatten sie alles aufgegeben, einschließlich ihrer preußischen Staatsangehörigkeit. Am 16. Juni 1846 entschied der französische Ministerrat in Paris, die Preußen nach Algerien zu verschiffen.

Da die französische Kolonialmacht gerade die strategisch wichtige Küstenstraße von Mostaganem nach Oran ausbauen ließ, wurden die Preußen zu deren Sicherung in zwei an ihr gelegenen Siedlungen angesiedelt. Eines der „deutschen“ Dörfer war „La Stidia“ östlich von Oran, nahe bei dem Verwaltungssitz Mostaganem, direkt am Mittelmeer. Das zweite deutsche Dorf war St. Leonie. Es lag etwa fünf Kilometer vom Verwaltungssitz Arzew entfernt, etwas im Landesinnern.

In La Stidia errichteten 1846/47 die Auswanderer, unterstützt von französischen Soldaten, 66 Häuser, eine Schule, ein Bürgermeisteramt, eine kleine Kapelle, einen Waschplatz sowie Straßen und Wasserleitungen. Gärten und Obstbaumplantagen wurden angelegt. 1848 hatte das Dorf 467 Einwohner, hauptsächlich Menschen aus dem Raum Trier, dem Kreis Daun, und den Altkreisen Prüm, Bitburg, Bernkastel und Wittlich. Mit den 438 Preußen lebten noch 25 Franzosen und vier Spanier in La Stidia.

Das Dorf St. Leonie war etwas kleiner. 1851 bildeten 168 Preußen und 26 Franzosen die Dorfgemeinschaft. Ein Dorfplan zeigt, dass der Ort wie eine Kolonialsiedlung sehr planmäßig angelegt war, versehen mit einer Stadtmauer, zwei Stadttoren und vier Wachtürmen.

Die meisten Familien lebten von der Landwirtschaft. Die Felder, die man ihnen zugewiesen hatte, waren vom Dorf drei bis vier Kilometer entfernt, die klimatischen Verhältnisse für die Eifelländer ungewohnt, die Erträge in den Anfangsjahren gering. Am Anfang versuchten sie, die traditionellen europäischen Pflanzen anzubauen. Mißernten durch Trockenheit verschlimmerten die Lage. Von den Sumpfgebieten breitete sich die Malaria aus. Täglich präsentieren sich daher im „Consulate« Preußen, die nichts inniger wünschten, als in ihr Vaterland zurückzugelangen.

Das ungewohnte, heiße Klima und der Wassermangel führten zu einer Abkehr von der traditionellen Landwirtschaft. Man experimentierte und pflanzte schließlich Eukalyptus, Palmen, Oliven, Mandeln und Wein an. Allmählich brachte die Umstellung kleine Erfolge, gewöhnten sich die jüngeren Auswanderer an das neue Land, und es entstanden Verbindungen zu den nichtpreußischen Mitbewohnern. Viele Elsässer, aber auch manche Franzosen nahmen die Lebensgewohnheiten der Eifelländer an und integrierten sich in die deutschen Siedlungen. Das führte dazu, daß in La Stidia und St. Leonie über Jahrzehnte die deutsche Sprache und auch Gebräuche und Sitten aus der alten Heimat der Deutschen das Dorfleben bestimmten. Bis 1900 war die deutsche Sprache in diesen Dörfern noch dominant. Auch die Verwaltung wurde zeitweise von Einwanderern aus Preußen beziehungsweise deren Nachfahren geleitet. Der Bürgermeister von La Stidia war von 1884 bis 1890 Nikolaus Etten. Die französischen Behörden versuchten jedoch, die „Preußen“ möglichst bald einzubürgern.

Der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71, bis zu dem zwischen 6000 und 7000 Deutsche ins französische Algerien eingewandert waren und rund jeder 20. Weiße ein Deutscher war, bedeutete eine Zäsur. Während Deutsche und Franzosen sich in Europa umbrachten, hatten die deutschen Auswanderer im französischen Afrika mit Repressalien zu kämpfen. Viele entschieden sich deshalb, ihre Staatsangehörigkeit aufzugeben und stattdessen die französische anzunehmen. So kämpften im Ersten Weltkrieg Enkel der Auswanderer aus Deutschland auf Seiten Frankreichs gegen das Land ihrer Vorväter.

Nach dem Deutsch-Französischen Krieg wurden per Gesetz vom 21. Juni 1871 100.000 Hektar Land in Algerien den für Frankreich optierenden Elsaß-Lothringern zur Verfügung gestellt. Etwa 6000 zu großen Teilen deutschsprachige Elsaß-Lothringer hatten von diesem Angebot Gebrauch gemacht. Sie gründeten etwa 60 Dörfer im Departement Algier im elsässischen Stil. Nach 1871 war man vor allem auf die Stärkung der französischen Bevölkerung bedacht, die Begünstigung fremder Einwanderer hörte auf. 1880 lebten bereits 350.000 Franzosen in Nordafrika.

Bei der Unabhängigkeit Algeriens 1962 gab es eine Million Weiße in Algerien, die nach oft fünf bis sechs Generationen das Land verlassen mußten, unter ihnen auch die Nachkommen der Preußen. Die meisten dieser „Pieds Noirs“ (Schwarzfüße) fanden in Südfrankreich eine neue Heimat, nur durch das Mittelmeer von ihrer alten Heimat getrennt.    

(sprachlich und grammatisch leicht korrigiert)

Donnerstag, 31. Mai 2012

Der Brünner Todesmarsch vor 67 Jahren

Höhepunkt der »wilden Vertreibungen«

Vor 67 Jahren begann der Brünner Todesmarsch – Schlimmstes Nachkriegsverbrechen bis »Srebrenica«

Der Brünner Todesmarsch, der am 31. Mai 1945 begann, gilt als das schlimmste Verbrechen in Europa zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Massaker von Srebrenica 1995. Rund 27000 Deutsche aus der mährischen Hauptstadt wurden in einem Gewaltmarsch nach Niederösterreich ausgetrieben, rund 5200 starben.

„Kurz vor neun Uhr abends marschierten junge Revolutionäre der tschechischen Nationalgarde durch die Straßen und riefen alle deutschen Bürger auf, um neun vor ihren Häusern zu stehen, ein Gepäckstück in jeder Hand, bereit, die Stadt auf immer zu verlassen. Den Frauen blieben zehn Minuten, die Kinder zu wecken, sie anzuziehen, ein paar Habseligkeiten zusammenzupacken und sich auf die Straße zu stellen. Hier mussten sie allen Schmuck, Uhren, Pelze und Geld den Nationalgardisten ausliefern, bis auf den Ehering; dann wurden sie mit vorgehaltenen Gewehren in Marsch gesetzt, der österreichischen Grenze entgegen.


Es war stockfinster, als sie die Grenze erreichten; die Kinder weinten, die Frauen stolperten vorwärts. Die tschechischen Grenz­wachen drängten sie über die Grenze den österreichischen Grenzwachen entgegen. Da kam es zu neuer Verwirrung. Die Österreicher weigerten sich, die Leute aufzunehmen, die Tschechen, sie wieder ins Land zu lassen. Sie wurden für die Nacht auf ein offenes Feld getrieben. Am nächsten Morgen erschienen ein paar Rumänen als Wache. Sie sind immer noch auf diesem Feld, das zum Konzentrationslager geworden ist. Sie haben nur zu essen, was ihnen die Wachen gelegentlich bringen. Rationen erhalten sie nicht … Jetzt wütet eine Typhusepidemie unter ihnen, und es heißt, dass täglich 100 sterben. 25000 Männer, Frauen und Kinder haben diesen Gewaltmarsch aus Brünn mitgemacht, darunter eine Engländerin, die mit einem Nazi verheiratet ist, eine Österreicherin von 70 Jahren, eine 86-jährige Italienerin.“
Mit diesem Bericht informierte die britische Journalistin Rhona Churchill bereits in der „Daily Mail“ vom 6. August 1945 die Öffentlichkeit der Siegermächte. Was in dem Bericht noch fehlt, ist das Ende der Aktion: Nach längerem Zögern wurde im Juni 1945 die Grenze zum damals sowjetisch besetzten Niederösterreich dann doch noch geöffnet. Viele starben allerdings noch auf dem weiteren Weg bis nach Wien an Krankheiten. Nachdem jahrzehntelang die Zahl der Teilnehmer und Opfer des Todesmarsches unklar war, erlauben neuere Forschungen ziemlich präzise Angaben: 27000 Menschen mussten den Marsch antreten, rund 5200 überlebten ihn nicht. Die seit dem hohen Mittelalter bis 1918 mehrheitlich deutsche Stadt Brünn verlor ihre deutsche Prägung.


Der Brünner Todesmarsch stellt einen Höhepunkt der sogenannten wilden Vertreibungen vor der Potsdamer Konferenz der alliierten Siegermächte Ende Juli 1945 dar. Der Begriff „wilde Vertreibungen“ ist etwas problematisch, weil er auch so verstanden werden kann, dass diese Aktionen unkoordiniert gewesen seien – ein Missverständnis, dem tschechoslowakische und tschechische Regierungen spätestens seit dem Jahre 1948 nur zu gerne Vorschub geleistet haben. Tatsächlich waren auch diese Aktionen fast ausnahmslos bestens organisiert und von der Staatsspitze in Prag, wenn nicht direkt angeordnet, so doch gerne unterstützt. Zahlreiche Aufrufe der damaligen Verantwortlichen in aller Öffentlichkeit sprechen eine eindeutige Sprache. Kein anderer als Staatspräsident Edvard Benesch forderte am 16. Mai 1945 auf dem Altstädter Ring in Prag die kompromisslose „Liquidierung der Deutschen“.

Ohne Wissen und Wollen hoher Regierungsstellen und der anwesenden sowjetischen Besatzungsmacht wären die „wilden Vertreibungen“ ohnehin nicht möglich gewesen. Dies zeigt auch die Lage im von US-Truppen eroberten Westböhmen, wo es keine einzige dieser Aktionen gab.

Im Falle des Brünner Todesmarsches lässt sich die maßgebliche Verstrickung der Staatsspitze besonders gut belegen. Das vorwiegend von tschechischen Arbeitern der „Brünner Waffenwerke“ durchgeführte Verbrechen wurde maßgeblich von einem tschechischen Hauptmann („Stabskapitän“) namens Bedřich Pokorný organisiert. Der Geheimdienstoffizier der Zwischenkriegstschechoslowakei, der in der Protektoratszeit als Gestapo-Spitzel tätig gewesen sein soll, hat nach der Wiederherstellung der ČSR seine Tätigkeit fortgesetzt. Nach dem Sieg der Roten Armee wurde er in die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei (KSČ) und zudem in das „Korps der nationalen Sicherheit“ (Sbor národní bezpecnosti, SNB) aufgenommen.

Nicht einmal zwei Wochen vor dem Brünner Todesmarsch, am 18. Mai 1945, erhielt er das Kommando des SNB in Mähren und war als solcher unmittelbar für die Vertreibung der Brünner Deutschen verantwortlich. Einen Monat nach der Tat, am 2. Juli 1945, wurde er auf persönliche Weisung des kommunistischen Innenministers Václav Nosek in die Spitze von dessen Inlandsgeheimdienst „Obranné zpravodajství“ (OBZ) gerufen. Nachdem Pokorný zuvor nur faktisch den Dienst geleitet hatte, übernahm der vormalige Stellvertreter am 15. Januar 1946 auch offiziell die Leitung des OBZ, welcher bei der kommunistischen Gleichschaltung der ČSR eine unrühmliche Bedeutung gewinnen sollte.
Zuvor organisierte er im Juli 1945 aus dem Prager Innenministerium heraus das Massaker von Aussig am 31. Juli. Dieses Verbrechen forderte zwar weit weniger Tote, war aber in der Durchführung besonders grausam: Teilweise wurden Kinderwagen von einer Aussiger Elbbrücke gestoßen und anschließend mit MG beschossen. 

Das Massaker von Aussig nimmt auch deswegen eine Sonderstellung ein, weil die tschechoslowakische Regierung am 16. Juli, dem Vortag des Beginns der Potsdamer Konferenz, zunächst die öffentlichen Massaker aussetzte. „Aussig“ war insofern auch vom Termin her eine Ausnahme. Wegen des Tatablaufs war schon seit jeher klar, dass das dortige Massaker staatlich organisiert war, doch erst seit den 1990er Jahren weiß man, dass ein und der selbe Mann – eben Bedřich Pokorný – bei beiden Verbrechen die Fäden zog. Infolge interner Flügelkämpfe und Intrigen verbrachte er trotz seiner „Verdienste“ bei der Vertreibung der Sudetendeutschen die Jahre 1953 bis 1958 in tschechoslowakischer Haft, doch später wurde er mit Entschädigung und neuen Ämtern rehabilitiert. Am 31. März 1968, auf dem Höhepunkt des Prager Frühlings, wurde der inzwischen 64-Jährige bei Brünn erhängt aufgefunden – ob er von eigener Hand starb oder ermordet wurde, ist unklar.     

M.R./K.B.