Dienstag, 1. März 2011

Des Freiherrn Einsamkeit inmitten des kommunistischen Agit-Props

Die Hetzkampagne gegen den jetzt zurückgetretenen Bundesverteidigungsminister Freiherr Theodor zu Guttenberg ist schon ein starkes Stück an sich selbst übertreffender Heuchelei eines politisch-moralisch heruntergekommenen Landes.

Der glänzende westdeutsche Politiker war eine ernste Gefahr für die Hegemonie des sowjetischen U-Bootes, das im Dienst der Agit-Prop-Praktiken des SED-Regimes alles daransetzt, nicht nur die einst konservative und erzkatholische Christlich-Demokratische Union zu demontieren, sondern überhaupt alle Macht an sich zu reißen, indem es alle kaltstellt, die das U-Boot irgendwie in den Schatten stellen könnten. So war es mit Friedrich Merz, mit Hohmann und manchen anderen mehr oder weniger leuchtenden Gestalten. Nun ist der Freiherr aus gutbürgerlichem, hochadeligem und kultiviertem Hause an der Reihe, war er doch die offenkundige Alternative zur Zonenkanzlerin.

Kommunistischer Muff
Die dazu notwendigen bolschewistischen Seilschaften haben bestens gearbeitet. Die nach islamistischem Muster inszenierte orwell'sche Haßsitzung vor dem Ministerium, das mit alten Schweißstiefeln des kommunistischen Mobs zugehängt wurde, hat zudem ihren Zweck erfüllt. Der durchlauchtigste Freiherr wurde Opfer des proletarischen Pöbels und warf das Handtuch, alleingelassen von seinem Doktorrabenvater und seiner eigenen Partei. Seit das U-Boot in westlichen Hoheitsgebieten umherpatrouilliert, hat das ganze christ- und islamistisch-demokratische Parteivolk der neuen Führerin des Weltfriedens den Geist und eventuelle Mutreserven aufgegeben.

Kolossal gelungen ist die ganze Verunglimpfung des einst strahlenden westdeutschen Bundesministers aufgrund seines Doktortitels, den er angeblich mit einer Doktorarbeit erworben hat, die als Plagiat bezeichnet worden ist, obwohl doch Doktorarbeiten insbesondere in humanistischen Wissenschaften nichts anderes sein können als Sammlungen von Zitaten, Statistiken, Doktrin und zusammenfassenden und aufarbeitenden Kommentaren. Streng genommen gibt es wohl außerhalb der Naturwissenschaften, wenn aber auch bei diesen, kaum Themata, die zu neuen und neuesten Erkenntnisssen führen. Die ganze Affäre erinnert mehr an die Haßdemonstrationen, die das islamistisch-iranische totalitäre Regime der Ayatollahs einst gegen Salman Rushdy auffahren ließ, als dieser die Satanischen Verse veröffentlichte, die in Persien doch so gar keiner gelesen haben konnte; doch das gesamte Volk, so schien es, war zutiefst empört über die Blasphemie des indisch-britischen Schriftstellers. Auch erinnert die ganze Inszenierung an die Haßdemonstrantionen in den arabischen Ländern gegen die Karikaturen eines Dänen und gegen Dänemark mit der Flagge mit christlichem Kreuz, O Frevel, ohnehin, wo doch so gut wie gar keiner der phanatischen Demonstranten diese Karikaturen überhaupt gesehen haben konnte.

Doktorandenrabenvater
Hauptverantwortlich für den Doktortitel cum laude sind doch wohl eher die Professoren, die den Prüfungsausschuß bildeten, und allen voran der Doktorrabenvater, der jetzt feige gegen den Freiherrn zu Guttenberg hetzt. Sie sind es, die schon seinerzeit hätten feststellen müssen, daß die Doktorarbeit nicht ordnungsgemäß war - und sie war es dann vielleicht doch nach Ansicht des Prüfungsausschusses. Man kann nicht den Doktoranden für eine mutmaßlich fachlich nachlässige Beurteilung durch die Prüfer verantwortlich machen, noch dazu, wenn man ihm ein "summa cum laude" erteilte. Waren die Herrn Professoren denn etwa besoffen? Oder waren die Herren gar gekauft worden? Bekanntlich lassen sich viele Wissenschaftler kaufen, je nach dem, wer welche "wissenschaftlichen" Expertisen braucht und was er dafür locker macht. Und außerdem sind Doktorarbeiten keine Unikate, sondern Sammlungen von Zitaten, Quellen, Statistiken usw., die vom Doktoranden letztlich nur aufgearbeitet werden, um seine Thesen zu untermauern. Der ganze Agit-Prop ist doch sehr FDJ-verdächtig, würde ich sagen. Die Zonenkanzlerin braucht keine Sterne, sie ist selber einer, der, wenn allein in weiter Flur, am besten leuchtet, auch wenn es eine Sparlampe ist.

Und nicht umsonst ist ihr Vorbild Katharina die Große, die so manchen Widersacher aus dem Weg räumte, der ihr nicht in die Pläne paßte. Der Unterschied heute ist, daß solche Machenschaften sutiler ablaufen, aber genauso wirkungsvoll sind.

Wie weit das Volk in der Masse manipulierbar ist, zeigen die Umfragen in der digitalen Presse. Viele scheinen für den Rücktritt zu sein. Was hinter dem ganzen Theater steckt, interessiert wohl wenige. Letztlich sind doch nur verhältnismäßig wenige Bürger über aktuelle Hintergründe im Bilde.  Der Große Bruder läßt grüßen.


Sonntag, 20. Februar 2011

Rebellion am anderen Ende der Welt

Vor 100 Jahren endete auf der Karolineninsel Ponape der Aufstand gegen die deutsche Kolonialherrschaft in der Südsee

Noch bis vor gut 100 Jahren kannte kaum ein deutscher die Insel Ponape, die seit 1990 Pohnpei heißt. Erst als sich der Stamm der Sokehs vor 100 Jahren gegen die deutsche Kolonialverwaltung erhob, rückte die Karolineninsel in das Blickfeld der deutschen Öffentlichkeit. Am 22. Februar 1911 endete der Aufstand. Damit war zugleich die größte deutsche Militäraktion in der Südsee beendet.

Um ein zusammenhängendes deutsches Kolonialgebiet im Pazifik zu schaffen, kaufte die deutsche Regierung Spanien Anfang 1899 infolge des Us-Amerikanisch-Spanischen Krieges 1998 die Marianen und die Karolinen einschließlich Ponape für 17 Millionen Mark ab. Dank der umsichtigen Politik des Bezirkshauptmanns Albert Hahl verhielten sich die sonst eher widerspenstigen Ponapesen friedlich und kooperativ. Die deutsche Verwaltung vermied es, in die Belange der einheimischen Bevölkerung einzugreifen, so daß sie zunächst kaum Auswirkungen auf deren Alltagsleben hatte.

Dies änderte sich im Jahre 1907, als das Reichskolonialamt anordnete, daß die deutschen Auslandsbesitzungen zukünftig ihren Etat weitgehend selbst erwirtschaften sollten, um von Reichszuschüssen unabhängig zu werden. Das feudalistische Lehenssystem auf Ponape galt als Grund für die geringe Produktivität der Insel.

Deshalb wurde eine Bodenreform angeordnet, die allerdings nur schleppend voranging. Außerdem übten die Ponapesen gegen ihre Beschäftigung im Wegebau, mit dem die unwirtliche Insel erschlossen werden sollte, passiven Widerstand.

Am 17. Oktober 1910 kam es auf dem kleinen, nur durch einen Meeresarm von der Hauptinsel getrennten Eiland Dschokadsch zu einem folgenschweren Zwischenfall. Nachdem der seit Ende 1909 amtierende Bezirkshauptmann Gustav Böder einem jungen Sokeh, der sich bei Straßenarbeiten den Anweisungen des deutschen Aufsehers widersetzt hatte, zehn Stockhiebe hatte verabreichen lassen, legten die Sokehs die Arbeit nieder. Als Boeder von den Ereignissen hörte, ließ er sich nichts Böses ahnend und deshalb unbewaffnet nach Dschokadsch rudern. Er und seine Begleiter wurden niedergemetzelt, ihre Leichen geschändet und ins Meer geworfen.

Als ranghöchster Vertreter des Reiches übernahm der Regierungsarzt Max Girschner das Kommando und ließ Ponapes damalige Hauptstadt Kolonia zur Verteidigung herrichten. Es ge- lang ihm, durch geschickte Verhandlungen die vier anderen ponapesischen Stämme auf seine Seite zu bringen. Die Sokehs allerdings zogen sich auf die schwer zugänglichen Felskuppen in den Bergen zurück und verschanzten sich. Das Reichskolonialamt in Berlin erfuhr erst Ende November von den Vorgängen in der Südseekolonie, nachdem ein Postdampfer die Insel angelaufen hatte. Bis Anfang Januar 1911 trafen fünf Kriegsschiffe zur Durchführung einer Strafexpedition ein.

Der deutsche Angriff begann am 13. Januar mit einem konzentrierten Feuer aus den Schiffsgeschützen. Anschließend konnten die Landungstruppen ohne eigene Verluste einige der Aufständischen gefangen nehmen, aber dem Gros gelang es, sich auf die Hauptinsel abzusetzen. In den darauffolgenden Wochen verfolgten die Deutschen ihre Gegner, die immer wie- der überraschend aus dem Hinterhalt angriffen, über die ganze Insel. Durch die ständige Hatz und den Hun- ger zermürbt, legten immer mehr Rebellen die Waffen nieder und am 22. Februar ergaben sich die letzten Sokehs.

Obwohl die Gefechte auf bei- den Seiten nur geringe Verluste gefordert hatten, wurde in der deutschen Öffentlichkeit der Ruf nach Vergeltung laut. 36 Sokehs, die an der Tötung Boeders und seiner Begleiter beteiligt gewesen waren, wurden in Kolonia vor Gericht gestellt. Während der Verhandlung wurden auch entlastende Momente gewürdigt und den Angeklagten zugestanden, nicht aus niederen Motiven getötet zu haben.

Dennoch sprach das Gericht 17 Todesurteile, wovon allerdings nur 15 durch Erschießen vollstreckt wurden. Zwölf Sokehs wurden zu einer Freiheitsstrafe und Zwangsarbeit verurteilt, sieben freigesprochen. Um weiteren Aufsässigkeiten vorzubeugen, wurden die rund 450 Sokehs auf die 2000 Kilometer entfernten Palau-Inseln umgesiedelt.

Die Verbannung währte allerdings nur kurz, denn im Oktober 1914 besetzten japanische Truppen die deutschen Besitzungen in der Südsee. Die Sokehs, im Exil an Nahrungsmangel und Krankheiten gestorben waren, konnten in ihre Heimat Ponape zurückkehren.

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Insel des öfteren vom US-Militär wegen seiner japanischen Stellungen bombardiert oder beschossen. Nach Kriegsende wurde Ponape Teil des Treuhandgebietes Pazifische Inseln der USA. 1986 erlangte die Insel nach 100 Jahren Fremdherrschaft als Hauptinsel der Föderierten Staaten von Mikronesien die Unabhängigkeit.

Jan Heitmann
Preußische Allgemeine Zeitung 07/11


Samstag, 19. Februar 2011

Zusammenhalt nach doppelter Vertreibung

Vor 100 Jahren gründeten die 1731/32 aus Salzburg nach Ostpreußen ausgewanderten Protestanten den Salzburger Verein

Salzburger Kirche in Gumbinnen (Ostpreußen) heute
Der „Salzburger Verein e.V.“ will sein 100-jähriges Bestehen Ende Mai im Rahmen eines Stadtfestes seines Gründungsortes Gumbinnen und im September in Bielefeld, dem Sitz des Vereins seit der Wiedergründung 1954, denkwürdig und feierlich zugleich begehen. Die Vorgeschichte des Vereins reicht bis in das 18. Jahrhundert zurück.

Im Jahre 1740 wurde in Gumbinnen als dem zentralen Ort der Ansiedlung der evangelischen Salzburger in Preußisch-Litauen das „Salzburger Hospital“ zur Betreuung von Alten, Siechen und Waisen errichtet. Daraus entstand alsbald als eigenständige, karitative Einrichtung die noch heute bestehende und mittlerweile in Gumbinnen wieder tätige Stiftung „Salzburger Anstalt Gumbinnen“.

Die 1752 erstmals gebaute und bald erweiterte „Salzburger Kirche“ war dazu bestimmt, dem evangelischen Glauben und freien christlichen Bekenntnis in der neuen Heimat Ostpreußen ein Gotteshaus zu geben. Dieses erste „Kirchlein“ wurde 1838 wegen Baufälligkeit abgetragen und 1840 durch einen Neubau nach einem Entwurf Karl Friedrich Schinkels ersetzt.

In der Generation der Salzburger vor dem Ersten Weltkrieg wurde offensichtlich, daß das Gefühl der Zusammengehörigkeit deutlich rückläufig war. Daraufhin trat ein Komitee von Persönlichkeiten Salzburgischer Nachkommen zusammen. Man lud folgerichtig alle preußischen Salzburger zum 22. Februar 1911 zur allerersten Gründung eines ostpreußischen „Salzburgervereins“ nach Gumbinnen ein.

Der Verein zählte in Ostpreußen bis zu 1800 Mitglieder in elf Kreisgruppen und außerhalb Ostpreußens auch Gruppen in Berlin und Dresden. Er erfreute sich eines regen Vereinslebens mit Salzburger Nachkommen in der achten bis zehnten Generation, wenn auch bereits die 1914 unternommene erste Fahrt einer Delegation des Vereins nach Salzburg in die Wirren des beginnenden Weltkrieges geriet und abgebrochen werden mußte.

Zur Unterstützung der Anliegen der Familienforschung war der Verein ab 1925 personell verknüpft mit dem „Verein für Familienforschung in Ost- und Westpreußen“. Auch ab 1925 wurden erholungsbedürftige Kinder aus dem Land Salzburg von den Vereinsmitgliedern nach Ostpreußen eingeladen.

Ein herausragendes Ereignis im Verein war die 200-Jahrfeier der Einwanderung nach Ostpreußen, die im Juni 1932 in Gumbinnen mit Umzügen, Festspielen, einem Festgottesdienst und vielen Ansprachen sehr festlich und mit vielen Ehrengästen gefeiert wurde. In der Folge konnte noch im Jubiläumsjahr die Renovierung der Anstaltsgebäude und der Salzburger Kirche – Glasfenster über dem Kanzelaltar und Heizung – stattfinden.

Dank starker Persönlichkeiten im Vorstand wurde die Arbeit des Vereins durch das NS-Regime nicht wesentlich beeinträchtigt. Allerdings wurde die genealogische Auskunftsstelle erweitert und das Vereinsblatt erschien nur noch unregelmäßig, bis „Der Salzburger“ im April 1939 mit der Nr. 73 ganz eingestellt wurde. Bei einem Luftangriff im August 1944 wurde die wichtige Auskunftsstelle des Vereins total zerstört, uneretzbares Material für die Familienforschung ging verloren. Schließlich nahm der Zweite Weltkrieg den ehemaligen Salzburgern in Ostpreußen ein zweites Mal ihre Heimat.

Nachdem die Salzburger Landesregierung beschlossen hatte, eine entsprechende Patenschaft zu übernehmen, wurde in der Nachkriegszeit die Wiederbegründung des Vereins in die Wege geleitet. Sie wurde in einem Festakt am 15. Mai 1954 verkündet. Am folgenden Tag wurde der „Salzburger Verein e.V.“ in Bielefeld neu gegründet. Ab Ostern 1963 lebte das Mitteilungsblatt „Der Salzburger“ wieder auf und erscheint seitdem vierteljährlich. Im darauffolgenden Jahr begann die Gründung von Landesgruppen. Es finden regelmäßige Jahrestreffen statt und alle zwei Jahre trifft mansich im Salzburger Land. Die kleine Wiedervereinigung von 1990 hat dann auch die Einbeziehung der Salzburger Emigranten von 1731/32 in Mitteldeutschland ermöglicht.
Von Anbeginn der Neugründung bestand der Wunsch, auchdie Tradition der alten „Salzburger Anstalt Gumbinnen“ in der neuen Patenstadt Bielefeld fortzuführen. Durch unermüdliches Bemühen verdienstvoller Mitglieder des Salzburger Vereins konnte im Jahre 1976 das „Wohnstift Salzburg“ in Bielefeld feierlich eröffnet werden. Damals entstanden ein Altenkrankenhaus und ein Altenheim – inzwischen ausgiebig modernisiert und komfortabel erweitert.

In Gumbinnen wurde auf Initiative der Stiftung „Wohnstift Salz- burg e.V.“, der Förderprojekte im Salzburger Verein und der Lan- desregierung Salzburg die Stiftung „Salzburger Anstalt Gumbinnen“ erneut ins Leben gerufen. Mit dem Wiederaufbau der weitgehend zerstörten Salzburger Kirche, die 1995 am Reformationstag eingeweiht werden konnte, und dem Aufbau des Diakoniezentrums „Haus Salzburg“ sind beispielgebende Aufbauwerke im Königs- berger Gebiet gelungen.

Der „Salzburger Verein e.V.“ präsentiert sich heute in mehreren Museen, so im Schloss Goldegg, im Deutschordensschloss Ellingen, im Preußenmuseum Minden und im Ostpreußischen Landesmuseum in Lüneburg. Gute und freundschaftliche Kontakte hält der Verein mit dem Land Salzburg sowie den Schwestervereinen im US-Bundesstaat Georgia und den Niederlanden, der „Georgia Salz- burger Society“ und der Stiftung „Salzburger Emigranten Nederland“.

Neben der genealogischen Auskunftsstelle nimmt die sogenante Marschrouten-Forschung, sprich die Erforschung der Route, welche die Vorfahren der Vereinsmitglieder einst von Salzburg nach Ostpreußen genommen haben, heute einen bedeutenden wissenschaftlichen Stellenwert ein. Eine nachhaltige, enge Zusammenarbeit mit den Landesarchiven und wissenschaftlichen Bibliotheken sowie den Franckeschen Stiftungen zu Halle bereichern die Arbeit im Verein.

Die wieder gewonnenen Freiheiten im gegenwärtigen Europa ermöglichen nun allen eine „Spurensuche“, mit Überwindung der „Stolpersteine“ in der gemeinsam erlebten Geschichte und mit Freu- de an einer friedlich vereinten europäischen Zukunft.

Eckhard Schlemminger


Quelle: Preußische Allgemeine Zeitung 07/11

Freitag, 18. Februar 2011

Polnische Übergriffe in Görlitz – Politik schweigt

Görlizter Oberbürgermeister Paulick und Statthalter der polnischen Besatzer der preußisch-schlesischen Görlitzer Oberstadt Gronitsch: Kein Platz für Radikalismus und so weiter und so fort

Nehmen wir an, eine Truppe deutsch-nationalistisch gesonnener Jungmannen hätten im Sturmn die Alktstadtbrücke genommen und wäre dann prügelnd ein paar hundert Meter auf polnisches Hoheitsgebiet vorgerückt. Welcher Aufschrei wäre durch die Welt gegangen?“ Diese Frage stellte Andreas Neumann-Nochten, ein 1960 geborener Theologe, der 1999 aus Norddeutschland nach Görlitz gezogen ist und dort als Chorleiter, Publizist und Karikaturist tätig ist. Die Antwort gibt er selbst. „Wir dürfen annehmen, daß ein höchster Regierungsvertreter Polens noch in der Nacht in Görlitz den Schauplatz des Massakers in Augenschein genommen hätte, daß Bundeskanzlerin und Außenminister aus entgegengesetzter Richtung ebenfalls dem Ort des Grauens entgegengeeilt wären und daß nicht nur die polnische Presse das deutsche Unwesen auf allen Titelseiten genüßlich in Wort und Bild angeprangert hätte.“ In einem ganzseitigen Beitrag in der „Sächsischen Zeitung“ setzte sich Neumann-Nochten mit Prügelattacken in der Silvesternacht durch eine Horde polnischer Schläger auf der deutschen Seite der Neiße auseinander und beleuchtete dabei auch, wie die Grenzziehung 1945 und ihre gedankliche Vorbereitung bis heute nachwirken.

Was war in der letzten Silvesternacht geschehen? Nach einem Bericht der „Sächsischen Zeitung“ versammelten sich – wie in den Vorjahren – Hunderte an der Görlitzer Altstadtbrücke, um das neue Jahr zu begrüßen. Kurz nach Mitternacht begannen polnische Jugendliche, deutsche Anwesende zu schubsen oder ihnen Raketen aus Rucksäcken zu stehlen. Schnell eskalierte das Geschehen. Eine Gruppe von etwa 30 Polen begann zu schlagen, zu treten und zu prügeln. Augenzeugen sprechen auch von Messerattacken und dem Gebrauch von Schlagringen. Die Polen trieben die Deutschen einige hundert Meter vor sich her über die Neißstraße bis zum Untermarkt. Mindestens zehn Deutsche wurden verletzt und mussten im Krankenhaus behandelt werden. Insbesondere Mobiltelefone wurden den Opfern geraubt oder an Hauswänden zerschlagen.
Man muß wohl von einer schweren Polizeipanne sprechen. Obwohl auch schon 2008 und 2009 laut Zeitungsbericht Polen geprügelt hatten, war keine Polizei vor Ort. Diese sei erst zirka 40 Minuten nach Beginn der Vorfälle erschienen. Täter konnte sie nicht mehr feststellen, da diese bei ihrem Auftauchen über die Bracke auf polnisches Gebiet flüchteten. Es besteht nach Darstellung der „Sächsischen Zeitung“ kein Zweifel
daran, daß die polnischen Schläger die Silvesterfeier sehr gezielt genutzt haben, um gegen Görlitzer und ihre Gäste vorzugehen. In dem Blatt wird außerdem daran erinnert, daß sich Übergriffe von Polen in Görlitz häufen, so bei Altstadtfesten oder im Sommer nach 22 Uhr im Stadtpark. Ein Mord an einem Rentner in seiner Wohnung in der Innenstadt Anfang Januar, tatverdächtig sind drei Polen, ließ die Angst inzwischen weiter ansteigen.

Dabei kriselte es seit Öffnung der Grenze schon lange. Die Zeitung verwies darauf, daß allein im ersten Halbjahr 2010 fast 100 Autos gestohlen wurden und unzählige andere Diebstähle und Einbrüche zu beklagen sind. Attacken auf Deutsche gab es auch auf polnischem Gebiet. Im Bewußtsein ist noch, wie Görlitzer Kinder aus einem Freibad auf der polnischen Seite geprügelt und deutsche Gäste bei einer Feier im „Dom Kultury“ attackiert wurden.

Was ist zu tun? Darüber wurde den ganzen Januar über öffentlich diskutiert. Bürgermeister Michael Wieler, Leiter der deutsch-polnischen Koordinierungskommission, gesteht zu, daß bei den Görlitzer Bürgern ein Angstszenario entstanden ist. Die Wirkung des von ihm geleiteten Rates sei bisher begrenzt gewesen. Nach seiner Meinung sei der politische Wille erforderlich, um zu klären, welche Gewaltpotenziale es auf beiden Seiten gibt. Das sei aber ein Politikum, weil damit eingestanden würde, dass es ein grenzüberschreitendes Problem gibt.

Der Görlitzer Stadtrat Detlef Rauh bezweifelt in einem Gastbeitrag der genannten Zeitung, daß sich nach dem letzten Vorfall etwas ändert. Man würde weiter nach dem Motto verfahren: „Was nicht sein kann, das nicht sein darf.“ Man finde unter den Politikern kaum noch einen, der sich traut, auch einmal unbequeme Tatsachen öffentlich anzusprechen.

Diskutiert wird auch, wie weit denn eine Versöhnung zwischen Deutschen und Polen schon vorangekommen ist. Der Theologe Neumann-Nochten sieht viel Heuchelei und Wahrnehmungsschwäche bei denen, die durch die Vorgänge überrascht sind. Bei der Bewerbung beider Städte rechts und links der Neiße als Kulturhauptstadt Europas 2010 sei vieles schöngeredet worden. Begriffe wie Schwester-, Doppel- oder Zwillingsstadt seien verwendet worden, obwohl das deutsch-polnische Miteinander gerade erst begonnen habe. Man würde auch nie erörtern, wie die andere (polnische) Seite dazu stehe. Kulturelle Zusammenarbeit und intensives menschliches Aufeinanderzugehen sei auf die Kreise einer kleinen intellektuellen Elite beschränkt. Er erinnert daran, daß die deutsch-polnische Grenze eine erzwungene Sprachgrenze ist und der 1945 erzwungene Wechsel des Lebensraumes in diesem Ausmaß und in dieser Art und Weise einmalig ist. Nirgendwo werde die Unnatürlichkeit der Grenze sichtbarer als in der größten geteilten Stadt. Die deutsche Vergangenheit anzunehmen, wie dies in anderen Teilen Schlesiens Brauch sei, funktioniere in Görlitz nicht. Dies äußere sich schon in der Ortsbezeichnung (die Görlitzer Oststadt heißt nur noch Zgorzelec).

Wer meint, die jüngsten Feindseligkeiten nährten sich noch immer aus der Wunde, die 1939 hinterlassen hat, nimmt nach Meumann-Nochten nur einen kleinen Teil der historischen Entwicklung wahr. Er verweist auf die polnische Westforschung nach dem Ersten Weltkrieg mit ihrer Suche nach slawischer Kultur, die nach 1945 auch dazu diente, die neu hinzugewonnenen Gebiete zu legitimieren. Die 2004 eingeweihte Altstadtbrücke sollte als verbindendes Symbol gelten.

Allerdings war schon bei der Einweihungsfeier deutlich, daß man dies nur auf deutscher Seite so sah. Hatten sich am westlichen Ufer rund 1000 Schaulustige eingefunden, waren es auf der polnischen Seite keine hundert, mehrheitlich sogar deutscher Nationalität. Das mangelnde Interesse bei den Polen dürfte symptomatisch sein für ihr Gesamtverhalten im Verständigungsprozeß. Die Deutschen drängen und verbiegen sich, aus Polen kommt kaum etwas. Das Schlesische Museum zu Görlitz gibt hierzu ein Beispiel. Während hier zwei polnische Vertreter im Stiftungsrat sitzen, gibt es in polnischen Museen keinen Deutschen. Als Fazit läßt sich festhalten: Die deutsche Politik lässt deutsche Bürger wieder einmal im Stich. Wenn es um Polen oder Tschechien und Slowaken geht, nimmt die Bundesregierung ihre Obhutspflicht für Deutsche seit Jahrzehnten nicht wahr. Kein Wunder, daß Kanzlerin Merkel die beliebteste ausländische Politikerin in Polen ist. Ganz anders handelt dagegen Polen, das wiederholt interveniert hat, wenn es um die Belange von polnischstämmigen Bürgern in Litauen, Weißrußland oder Deutschland geht.

Rudi Pawelka
Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Schlesien

Quelle: Preußische Allgemeine Zeitung 07/11


Donnerstag, 17. Februar 2011

Luther als Sprachschöpfer

Von Dieter Burkert

Eine religiös und politisch bewegte Zeit und deren Hauptvertreter verändern nicht nur das Denken, sondern auch die Sprache. Überkommende Wortformen werden inhaltlich umgewidmet, neue Spracheinheiten geschaffen. Über Martin Luther schreibt Werner Besch in seiner Sprachgeschichte: „Man kann vor Luther schlechterdings nicht von neuhochdeutscher Schriftsprache oder von neuhoch- deutschem Sprachtypus reden; denn erst durch ihn entscheidet es sich, welche Gemeinsprache (...) zum Zuge kommt.“

„Ich rede nach der Sechsischen cantzley“ 

Von Luther selbst wissen wir, woran er anknüpft: „Ich rede nach der Sechsischen cantzley“ (Tisch- reden, Auszug 1532, Nr. 2758 b). Luther war, von seinem Eltern- haus her und dialektal gesehen, „zweisprachig“: Die Mutter sprach westthüringisch, der Vater elbost- fälisch. Luther selbst – das erge- ben genaue Textanalysen – war zunehmend darauf bedacht, als diglossaler Nordthüringer über- regional verständlich zu sprechen und zu schreiben.

Bibelübersetzung und Sprachschöpfung 

Insbesondere Luthers Bibelübersetzung (1522 Neues Testament, 1534 Gesamtbibel) führte gerade auch im nichtreligiösen Bereich zur Durchsetzung von mittel- und norddeutschen Sprachformen, die im Oberdeutschen (in Süddeutschland) kaum üblich waren und dennoch zu einer Art frühneuhochdeutschen Standardwortschatz wurden; einige Beispiele: Ernte (statt Schnitt) – Hügel (statt Bühel) – Lippe (statt Lefze) – Peitsche (statt Geißel) – Stufe (statt Staffel) – Topf (statt Hafen) – Träne (statt Zähre) – Ziege (statt Geiß). Luther konnte aber auch Oberdeutsches (anstelle mittel- und norddeutscher For- men) bevorzugen: Abend (für Westen) – Mittag (für Süden) – Mitternacht (für Norden) – Morgen (für Osten) – Schwanz (für Zagel).

„ittliche sprag hatt ir eigen art“ (Tischreden 5, 5521) 

Diese von Aventin übernommene sprachphilosophische Erkennt- nis war zu einem guten Stück auch Luthers Übersetzungsprinzip. Im „Sendbrief vom Dolmetschen“ (1530) gibt Luther Beispiele für die Art seines sinngemäßen Übersetzens. Berühmt ist eine strittige Stelle im Matthäus-Evangelium (12,34), wo es bis auf Luther meist heißt: „Auß dem uberflus des hertzen redet der mund“ (getreu der Vulgata-Fassung: ex abundantia cordis os loquitur). Dazu Luther: „Ist das deutsch geredet?“ „Das kann kein Deutscher sagen, sondern ...: Wes das hertz vol ist, des gehet der mund uber“ (Sendbrief 16).

alltagsnah und sakramental zugleich 

Luther verstand sich als eigenständiger theologischer Interpret aus der Gnade Gottes. So kommt es zu dem soeben aufgezeigten alltagsnahen Übersetzungsstil, der dennoch keine Banalisierung bestimmter Stellen der Heiligen Schrift bedeutet, vielmehr deren sakralen Charakter zu wahren weiß. Beispiele: Rituelle Sprache:

„Siehe, ich verkündige euch ...“, epische Einleitung: „Es begab sich ...“, feierlicher Verbgebrauch: „Antwortete und sprach ...“ (Birgit Stolt: Luther, die Bibel und das menschliche Herz. In: MS 94, 1983, 1–15).

Bleibende Wirkung auf den deutschen Sprachschatz 

Wortschatz, Sprichwörtergut und Satzbau verdanken Luthers Sprachkraft bleibende Bereicherung.

Wortschatz: Wortbilder wie Feuereifer, friedfertig, kleingläubig, Lückenbüßer und Machtwort sind unübertrefflich. Gewandelte Wortbedeutungen stechen hervor:

„Arbeit“ meint nicht mehr Mühsal und Plage, sondern Tätigkeit, Aufgabe, Leistung. „Beruf“ ist nicht mehr klerikal, sondern weltlich besetzt und verweist auf Amt und Auftrag. Wortgut: Bereits der Mystiker (Ekkehard; Tauler; Seuse) wird bleibend bedeutungsvoll: Eindruck, Einfall, Einkehr; anschaulich, unbegreiflich, wesentlich. Sprichwörter: Ein Dorn im Auge; der Geist ist willig, aber ...; wer andern eine Grube gräbt, ...; sein Licht unter den Scheffel stellen; mit seinem Pfunde wuchern; sein Scherflein beitragen. Die Beispiele ließen sich endlos fortsetzen.

Satzbau: Wer von ‚Lutherdeutsch‘ spricht, denkt auch an einen einfachen, ungekünstelten Satzbau, in dem die Wortstellung noch sehr beweglich und die Verknüpfung der Satzteile locker erscheint: „Wen ein heufflin fromer Christen leyen wurden gefangen unnd in ein wusteney gesetzt / die nit bey sich hetten einen geweyheten priester von einem Bischoff / unnd wurden alda der sachen eyniß / erweleten eynen unter yhn / ... / und befilhen ym das ampt zu teuffen / meß halten / absolutieren / und predigen / der wer warhafftig ein priester / ...“ (An den Christlichen Adel deutscher Nation: von des Christlichen standes besserung, 1520). Mit den Worten von Justus Jonas, der Luther 1546 die Grabrede hielt, kann man getrost schließen: „(Luther) hat die deutsche Sprache ... recht hervor gebracht.“

Der Verfasser ist Philologe und Doktor der Theologie.



Quelle: Sprachnachrichten des VDS 4/10