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Mittwoch, 12. Januar 2011

Vertreibung und Potsdamer Konferenz

Für die Idee, die Deutschen aus ihrer Heimat zu vertreiben, waren Präzedenzfälle keine zwangsläufige Voraussetzung, aber diese erleichterten die internationale Rechtfertigung eines solchen Gedankens und diese Präzedenzfälle gab es: die Deportation der Armenier durch Türken und der „Bevölkerungsaustausch“ zwischenGriechenland und der Türkei. Letzteres zwischen beiden Staaten im Vertrag von Lausanne besiegelt. 
Jalta-Konferenz der Kriegsverbrecher Churchill, Roosevelt, Stalin

Gerade dieser Fall war dann später auch für den US-Präsidenten Roosevelt ein entscheidendes Argument, sich auf der Konferenz von Jalta mit einer von Stalin ins Spiel gebrachten „Umsiedlung“ von Deutschen aus jenem Gebiet, abzufinden, über das man sich schon auf der Teheran-Konferenz geeinigt hatte, daß es von Deutschland an Polen übergeben werden soll. Premier Churchill verdeutlichte in Teheran die Westverschiebung Polens zugunsten Russlands und zu Lasten Deutschlands mit dem legendär gewordenen Verschieben von Streichhölzern, worüber sich Stalin amüsiert haben soll. 


Karte des Polnischen Westinstituts 1944
Auf der Potsdamer Konferenz der drei Sieger Rußland, Großbritannien und USA wurde dann das fixiert, auf das sich Stalin bei der Vertreibung berufen konnte und worüber eigentlich auch schon in Jalta eine grobe Einigung erzielt wurde. Die Westalliierten haben sich hinter für diese dem Völkerrecht Hohn sprechende Abmachung entschuldigt, daß ihnen unter den Bedingungen gar nichts anderes übrig geblieben sei. Der Text, der die Vertreibung legitimieren soll, ist allerdings so gefaßt, daß er die Vertreibung von Deutschen aus den zum Deutschen Reich gehörenden Gebieten nicht hergibt. So lautet der betreffende Abschnitt XIII:

„Die Konferenz erzielte folgendes Abkommen über die Ausweisung Deutscher aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn: Die drei Regierungen haben die Frage unter allen Gesichtspunkten beraten und erkennen an, daß die Überführung der deutschen Bevölkerung oder Bestandteile derselben, die in Polen, Tschechoslowakei und Ungarn zurückgeblieben sind, nach Deutschland durchgeführt werden muß. Sie stimmen darin überein, daß jede derartige Überführung, die stattfinden wird, in ordnungsgemäßer und humaner Weise erfolgen soll.“

Es sollen also die Deutschen aus „Polen“ ausgewiesen werden, aber die Grenzen Polens sind noch gar nicht festgelegt, sondern sollten ja einer nachfolgenden Friedenskonferenz vorbehalten sein. Folglich wäre dieser Text nur die Grundlage für ein Polen vor Kriegsbeginn. – Es ist jedoch ohnehin müßig, hier eine Willkür gegen eine andere Willkür zu stellen, es bleibt alles reine, auch durch das damalige Völkerrecht nicht gedeckte Willkür (siehe dazu die Thesen des US-amerikanischen Wissenschaftlers Alfred de Zayas).


Dass Sowjets und Polen eine Potsdamer Legitimation für ihre Grenzziehung und das damit umsteckte Vertreibungsgebiet nicht wirklich brauchten, ist an der Gebietserweiterung für Polen über den Wortlaut des Potsdamer Protokolls hinaus erkennbar.

Dort heißt es noch in Abschnitt IX: 

„Die Häupter der drei Regierungen stimmen darin überein, daß bis zur endgültigen Festlegung der Westgrenze Polens die früher deutschen Gebiete östlich der Linie, die von der Ostsee unmittelbar westlich von Swinemünde und von dort die Oder entlang bis zur Einmündung der westlichen Neiße und die westliche Neiße entlang bis zur tschechoslowakischen Grenze verläuft [...] unter die Verwaltung des polnischen Staates kommen und in dieser Hinsicht nicht als Teil der sowjetischen Besatzungszone in Deutschland betrachtet werden sollen..." S.118
Aischmanns Buch enthält neue Daten zur Stettiner Frage
Dennoch wurde entgegen diesem Wortlaut Stettin und ein breiter Streifen westlich davon, einschließlich des Städtchens Neuwarp am Warper See (Ausbuchtung des Stettiner Haffs), auf der Grundlage sowjetisch-polnischer Verhandlungen, die in die sogenannte Schweriner Grenzvereinbarung vom 21. September 1945 mündeten, Polen unterstellt. Der in Heidelberg geborene polnische Verhandlungspartner Piotr Zaremba versuchte in den dazu in Greifswald vorangehenden Verhandlungen mit der Sowjetischen Militäradministration noch ganz Usedom unter polnische Kontrolle zu bringen, was jedoch hier an einem entschlossenen Njet der Sowjets scheiterte.

Polen versuchte schon vorher, vollendete Tatsachen zu schaffen. So ist noch ein Telegramm vom 4. September 1945 erhalten, in welchem des Landratsamt Randow aus Pölitz (auch westlich der Oder) einen Hilferuf in Richtung Schwerin ergehen lässt wegen Besetzung seiner Räume durch polnische Bürger. Hier ging Zarembas Taktik der vollendeten Tatsachen auf. S. 118 f





Dienstag, 11. Januar 2011

Polnische Ansprüche auf Pommern von 1917 bis zum Zweiten Weltkrieg

Polnische Postkarte aus dem Jahr 1939
Waren, was die konkreten polnischen Ansprüche auf deutsche Ostgebiete angeht, diese zunächst auf jene Gebiete konzentriert, die außerhalb des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation lagen plus Schlesien (auch Niederschlesien), aber ansonsten allgemein gehalten („bis zur Oder“, „bis zur Ostsee“), so wurden gegen Ende des Ersten Weltkrieges auch die Ansprüche auf den größten Teil Pommerns – seit 1232 in das Heilige Römische Reich integriert – sehr konkret. Es war der Arzt und Journalist Bolesław Jakmiak, der im Frühjahr 1917 in Moskau (!) ein Programm entwarf, das 1918 unter dem Titel „Die Westgrenze Polens“ der polnischen Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Jakmiak zog die Grenze die Oder hinauf bis zur Swinemündung, östlich davon war nach seiner Vorstellung Polen (also auch die Insel Wollin), westlich davon Deutschland (auch Stettin). Es scheint, als hätte – was den Grenzverlauf betrifft – Jakmiak schon damals den Protokolltext für die Potsdamer Konferenz (siehe unten) vorgegeben, denn auch danach würde Stettin weiterhin zu Deutschland gehören (allerdings – im Unterschied zu Jakmiak – Swinemünde nicht). Die Hinzunahme Pommerns zu Polen begründet Jakmiak sogar vordergründig ethnisch! So zeige die geringe Bevölkerungsdichte der preußischen Provinz Pommern, daß eine massenhafte Besiedlung gar nicht stattgefunden habe und folglich die dortige Bevölkerung eine alteingesessene, eine „pomoranisch-polnische“ sei. Was Jakmiak aus seiner abstrusen Konstruktion ableitet, ist dann noch abenteuerlicher:

„Ich bin überzeugt, dass die ethnographisch slawische, aber eingedeutschte Bevölkerung unter günstigen Bedingungen, gestützt auf ein starkes slawisches Umfeld, leicht zur slawischen Familie zurückkehren könnte“ S. 285 – 

Hat man sich erst einmal so in wirklichkeitsfremden Konstruktionen verrannt, dann ist die Frage zu stellen, welche Schlußfolgerungen Jakmiak in seiner Enttäuschung aus der Uneinsichtigkeit der Pommern abgeleitet hätte? Doch wohl die, daß sie dann gehen müssten, so wie es nach der Veröffentlichung mit den Deutschen aus Westpreußen und Posen real geschehen ist. 

Polnisches Jubelplakat 1931
Der Status der Entwicklung des polnischen Westgedankens vom 19. Jahrhundert bis zu zum Ersten Weltkrieg zeigt den klaren Befund, daß bereits vor Ausbruch dieses Krieges alle ideologischen und mentalen Voraussetzungen für eine Vertreibung vorhanden waren, um bei einer Besitzerlangung preußischer bzw. deutscher Ostprovinzen die ansässige und sich nicht zum Slawen- bzw. Polentum bekennende Bevölkerung zu vertreiben. Dies ist dann auch für die Zeit vor dem Ausbruch des folgenden, des Zweiten Weltkrieges durch Schriftzeugnisse zu belegen. 

Was die Ausdehnungsvorstellungen angeht, wird noch einmal zugelegt. In dem Buch von Josef Kisielewski „Die Erde bewahrt das Vergangene“ wird mit dem Zitat eines Gedichtes von Adam Naruszewicz der Zielhorizont erweitert: „Wir waren an der Elbe, man hat uns hinter die Oder gedrückt“ S.8 Im Blick auf den auch von Polen erwarteten Krieg schreibt Kisielweski 1939: „Günstige Winde der Geschichte beginnen unsere Segel zu blasen [...] Es ist ein ungewöhnlicher Augenblick gekommen, der für ein Volk günstig ist, das durch seine Tapferkeit, seine Arbeit, seinen Mut fähig ist, sich eine unerschütterliche Macht zu schaffen. [...] Es handelt sich nur darum, daß diese Gelegenheit nicht verpaßt wird.“ – Das Buch erschien in Posen unmittelbar vor Ausbruch des Krieges!

Wie solche Sprache der polnischen Intellektuellen sich auf der Ebene des Volkes ausnimmt, ist am Text eines Flugblattes des Vorbereitungsausschusses der Grunwald-Feier 1939 (Andenken an die Schlacht bei Tannenberg 1410) zu ersehen: „Wir werden zurücknehmen, was uns der Deutsche weggenommen hat an Elbe, Oder und Weichsel.“

So weit also die Formulierung von polnischen Territorialansprüchen unmittelbar vor dem Zweiten Weltkrieg. Überaus bedeutsam, was eine Vertreibung von Deutschen aus den mit Gewalt zu erwerbenden Territorien angeht, ist der Klartext des Thorner Blattes Słowo Pomorskie: „Deshalb sagen wir Polen heute ganz deutlich: Geht dahin zurück, woher Ihr gekommen seid! Auf Schubkarren, die von Hunden gezogen wurden, kamt Ihr angekarrt. Ihr brachtet nur schlechtes Unterbett mit. Mit einem solchen könnt Ihr wieder losziehen.“ S. 9 Dies ist faktisch die verbale Antizipation der sechs Jahre später tatsächlich erfolgten Vertreibung. Dazu bedurfte es also der Kriegsgeschehnisse nicht, die folgten dann bald mit schrecklichen Taten von Deutschen, z.B. mit der physischen Vernichtung, also Ermordung der polnischen Elite, aber auch mit Verbrechen von Polen wie z.B. die bis dahin unvorstellbaren Pogrome an der deutschen Minderheit im Bromberger Gebiet (der sogenannte Bromberger Blutsonntag) unmittelbar nach Kriegsausbruch.



Montag, 10. Januar 2011

Polnische Ansprüche auf deutsche Ostgebiete

Stanislaw Staszic
Es war nur natürlich und legitim, daß Polen nach der Aufteilung auf die Mächte Russland, Österreich-Ungarn und Preußen stets bemüht war, seine Staatlichkeit wiederzuerlangen. Verständlich auch, daß man nach einem Gebietsstand trachtete, wie er vor der Teilung bestanden hatte (Restitution). Dies allerdings schon mußte Konflikte mit Preußen zur Folge haben, vor allem jene Gebiete betreffend, die außerhalb des 1806 untergegangenen Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gelegen haben. Und so konzentrierten sich zunächst auch polnische Anspruchsformulierungen auf diese Gebiete (Ostpreußen, Westpreußen, Danzig, Posen) plus Schlesien. 

Allerdings schon 1828 hatte der polnische Militär Ignacy Pradzinski in einer Denkschrift den Plan gehegt, Preußen im Zusammengehen mit Zar Alexander I. zu besiegen, so daß sämtliche Teile Preußens an Ostsee und Oder „Hauptgegenstand unserer strategischen Kombinationen und unserer Anstrengungen“ sein sollten, „die Besetzung des gesamten Landes zwischen dem Königreich Polen und Ostsee“ S. 55, sei unabdingbar. 

Ludwik Bystrzonowski umriß 1836 in der in Paris (im Hotel Lambert) erscheinenden polnischen Emigrantenzeitung Trzeci Maj die natürlichen Grenzen so: Ostsee im Norden, Dnepr im Osten, Schwarzes Meer im Süden und der Oderlauf im Westen. S. 58 Auch im Lager der „Polnischen Demokratischen Gesellschaft“ (TDP) sollte ein föderal verfaßtes Polen 1864 „Von Meer zu Meer“ (od morza do morza) reichen. S.29 Dieser Anspruch war nicht neu, er wurde bereits 1807 von dem in Schneidemühl gebürtigen Stanislaw Staszic in seiner „Statistik Polens“ formuliert. S. 44
Hugo Kollataj

Eine noch – gerade in Bezug auf die spätere Vertreibung – gravierendere Meinung vertrat bereits 1808 der Reformpolitiker Hugo Kołłątaj, wenn er feststellte, daß das neue Polen an die Oder grenzen müsse, da diese Deutsche und Slawen teilt, und bei der Bemessung des staatlichen Territoriums darauf zu achten sei, daß „der Regierende und der Regierte sich verstehen und ein und derselben Sprache bedienen“ müsse. Also hier schon eine klare Festlegung auf einen monoethnischen Staat. Kołłątaj gibt keine Antwort darauf, was mit denen passiert, die nicht die Sprache der Regierenden sprechen. Er selbst legt einfach fest, daß selbst die Preußen nicht Deutsch sprächen, sondern entweder Litauisch oder Polnisch. Ist erst einmal das Ziel der sprachlichen und dann auch ethnischen Reinheit formuliert, dann ist es nur noch ein kleiner Schritt zur Vertreibung, wenn man diese Einheit anders nicht herstellen kann.Diese Genealogie der Westidee gipfelt dann bereits schon 1899 in eine Radikalität, die man, ins Deutsche übertragen, in der Wortwahl der NS-Ideologie zugeschrieben hätte. Jan Ludwik Popławski erhebt im Przegląd Wszechpolski eine Kampfansage an alle Deutschen, die es in sich hat: 

"..: nicht mit einzelnen Parteien, sondern mit der ganzen deutschen Gesellschaft müssen wir den Kampf führen auf Leben und Tod, in dem die stärkere Seite keine Skrupel kennt und die schwächere sogar in ihrer legalen Tätigkeit behindert wird. Die vitalsten Interessen beider Völker stehen in ihm auf dem Spiel" S.203 – Zwei Jahre später äußerte er im gleichen Organ: „Das Land zwischen Oder und Dniepr, zwischen Ostsee, Karparten und Schwarzem Meer bildet eine eigene, organische Einheit, zusammengefügt durch die Gesamtheit territorialer Gegebenheiten, ökonomischer Interessen und nicht zuletzt historischer Traditionen.“ S.195 – Der britische Autor Brian Porter führte Przegląd Wszechpolski in seiner Analyse mit dem Titel: „When the Nationalism Began to Hate“ (Als der Nationalismus begann zu hassen) sicher nicht zu Unrecht an.

Alle diese polnischen Thesen des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts waren gewissermaßen die Pflöcke, innerhalb derer sich die Diskussion fortsetzte. Mit der staatlichen Wiedergeburt nach dem Ende des Ersten Weltkrieges wurde dann ein so massiver Druck auf die in den größeren Städten zumeist mehrheitlich lebenden Deutschen ausgeübt, dass 1,5 Millionen Deutsche sich gezwungen sahen, ihre Heimat (Westpreußen, Posen, Ost-Oberschlesien) zu verlassen, ein großer Teil der in Westpreußen und Posen lebenden Deutschen in Richtung Pommern, wo zahlreiche Siedlungen aus dem Boden gestampft werden mußten. Die Internet-Enzyklopädie Wikipedia stuft diesen Vorgang durchaus mit Berechtigung unter „Vertreibung“ ein. Von polnischer Seite wird in diesem Zusammenhang auf den vorausgehenden Ausweisungsdruck gegenüber den Polen in dem an Preußen gelangten Teil Polens verwiesen. Diesen hat es tatsächlich gegeben, er betraf aber nur die aus Russisch-Polen zugewanderten Polen, was natürlich nichts daran ändert, daßauch dies einem Selbstbestimmungsrecht der Polen entgegensteht.

Montag, 3. August 2009

Die vergessenen Opfer der preußischen Ostgebiete

Bei polnischen Massakern im Jahre 1939 starben über 5800 Deutsche –
Bis heute fehlt eine angemessene Publikation


von Hans-Joachim von Leesen
Preußische Allgemeine Zeitung

Wenn zum 70. Jahrestag des Ausbruchs des deutsch-polnischen Krieges in Zeitungen und Zeitschriften, bei Guido Knopp im ZDF und in Schriften der politischen Bildung Beiträge erscheinen, dann wird man alles finden über deutsche Ränke und Versäumnisse, Blut- und Raubtaten, Kriegslust und Vernichtungsgier, aber man wird voraussichtlich mit keinem Wort der Verfolgung der Volksdeutschen in Polen gedenken. Obwohl die an ihnen begangenen Grausamkeiten gut dokumentiert sind, fehlt bis heute eine zusammenfassende Publikation.

Dabei erschütterten die Vorkommnisse seinerzeit die gesamte deutsche Öffentlichkeit. Man erfuhr von ihnen im Herbst 1939 durch heimkehrende Soldaten, von denen viele Augenzeugen gewesen waren, wie man überall in Polen die ermordeten Volksdeutschen aus Wäldern und Straßengräben geborgen hatte. Sie hatten die Berichte der Angehörigen anhören müssen, die den Massakern entkommen konnten und nun ihre verschleppten Väter und Brüder suchten.

Heute ist davon in der deutschen Öffentlichkeit nicht mehr die Rede. In keinem Schulbuch steht etwas von der Verfolgung der Deutschen in Polen, keine Geschichtssendung unterrichtet darüber, in keiner offiziellen Feierstunde wird ihrer gedacht.

Dabei war die Verfolgung von Angehörigen anderer Volksgruppen etwa in Jugoslawien noch vor wenigen Jahren Grund genug, um Nato und Uno militärisch eingreifen zu lassen. Geht es aber um die blutigen Ereignisse im Polen des Jahres 1939, dann werden sie als unbedeutend beiseite geschoben oder man übernimmt sogar die polnischen Schutzbehauptungen, die toten deutschen Männer, Frauen und Kinder seien Opfer deutscher Luftangriffe gewesen oder als Partisanen von der polnischen Armee zu Recht erschossen worden. Und die deutsche staatliche Seite schweigt, um das deutsch-polnische Verhältnis nicht zu belasten.

Das nach dem Ersten Weltkrieg wieder gegründete Polen war von Anfang an ein Vielvölkerstaat. Die erste amtliche Volkszählung 1921 ergab etwa 69 Prozent Polen. Etwa 19 Prozent waren Ukrainer, fast acht Prozent Juden (die in Polen als Volksgruppe galten), und etwa 3,3 bis 3,9 Prozent – hier stritten sich deutsche Volksgruppe und polnische Regierung – waren Deutsche, das waren etwa 1,06 bis 1,4 Millionen Menschen. Ende 1918 hatten sogar ausweislich der letzten Vorkriegs-Volkszählung noch 2,4 Millionen Deutsche in den Gebieten gelebt, die 1919 zu Polen kommen sollten.

Dieser verhältnismäßig große Prozentsatz war kein Wunder, gehörten doch weite Teile früher zu Deutschland wie etwa Posen, Westpreußen und das östliche Oberschlesien. Es gelang der polnischen Mehrheit, im Laufe der Jahre mindestens etwa 800.000 Deutsche aus Polen hinauszudrängen („entdeutschen“ nannten die polnischen Wortführer die dabei angewendeten Methoden). Aber auch über eine halbe Million Juden wichen vor polnischen Diskriminierungen aus und emigrierten. Obwohl sich Polen gegenüber der Versailler Friedenskonferenz verpflichtet hatte, seine nationalen Minderheiten zu schützen und ihnen kulturelle Autonomie zu gewähren, verfolgten die polnischen Regierungen eine Minderheitenpolitik nach der Devise, Polen müsse „so rein werden wie ein Glas Wasser“ („Polska musi byc czysta jak szklanka wody!“). So wurden Minderheitenschulen geschlossen, Geschäftsleute boykottiert, Kirchengemeinden, sofern sie nicht römisch-katholisch waren (die der deutschen Volksgruppe waren ganz überwiegend evangelisch), schi­kaniert. Als dann die politische Lage zwischen Deutschland und Polen immer angespannter wurde, wuchs der polnische Druck auf die deutsche Volksgruppe immer mehr. Im Sommer 1939 flohen die Deutschen in Massen aus ihrer Heimat nach Deutschland oder in die Freie Stadt Danzig; dort befanden sich Ende August Flüchtlingslager mit etwa 77.000 Volksdeutschen aus Polen.

Auch schon vor Ausbruch der Feindseligkeiten gab es Opfer unter den deutschen Zivilisten. Die Zahl ist nicht mehr festzustellen. In der Literatur findet man sowohl die Feststellung, dass elf Deutsche getötet worden seien, als auch die Zahl 60.

Als am 1. September 1939 das Deutsche Reich die Feindseligkeiten eröffnete, brach eine Welle der Verfolgung gegen die bereits vorher registrierten Volksdeutschen und ihre Einrichtungen los. Allgemein bekannt ist der „Bromberger Blutsonntag“ drei Tage nach Kriegsbeginn, doch wurden überall, vor allem in den westlichen polnischen Provinzen, die Deutschen zusammengetrieben und in langen Marschkolonnen – insgesamt waren es 41 – mit jeweils Hunderten von Frauen, Männern und auch Kindern – nach Osten getrieben, von Soldaten oder von bewaffneten Mitgliedern polnischer Milizen. Wer nicht weiterkonnte, wurde erschossen. Auch fiel immer wieder der Pöbel über die wehrlosen deutschen Zivilisten her, prügelte auf sie ein und schlug manche tot. Zeitzeugen berichteten, dass sich vor allem Soldaten der vor der Wehrmacht zurückflutenden polnischen Truppenteile durch Grausamkeiten hervortaten, Soldaten, die die Volksdeutschen dafür verantwortlich machten, daß entgegen der polnischen Siegesgewißheit – man hatte ihnen vorgegaukelt, sie würden schon in wenigen Tagen siegreich in Berlin einmarschieren – nun überall die polnischen Einheiten geschlagen wurden.

Die deutsche politische Führung behauptete nach dem Sieg über Polen, es seien 58.000 Volksdeutsche von Polen ermordet worden. Diese Zahl war weit übertrieben und sollte wohl dazu dienen, das überaus harte deutsche Vorgehen in Polen zu begründen.

Bezeichnenderweise gab es keine amtliche Erhebung der Opferzahlen. Das überließ man der von Volksdeutschen nach Einstellung der Kampfhandlungen gegründeten „Zentrale für die Gräber der ermordeten Volksdeutschen in den eingegliederten Ostgebieten“ in Posen. Ihr Leiter und ihre treibende Kraft wurde der volksdeutsche Historiker Dr. Kurt Lück. Er sah es als seine Hauptaufgabe an, die Schicksale der vielen immer noch vermißten Volksdeutschen zu klären. Im Laufe der ersten Nachkriegsmonate stellte sich heraus, dass die meisten von ihnen umgebracht worden waren. Die Gräberzentrale wurde, bezeichnenderweise bevor sie ihre Arbeit abgeschlossen hatte, im Mai 1942 geschlossen. Bis dahin konnte man 3.453 getötete Volksdeutsche und 2.339 Vermisste feststellen, von denen keiner wieder aufgetaucht war. Ihre Personalien und die Umstände ihrer Ermordung – soweit feststellbar – waren in einer umfangreichen Kartei festgehalten. Dr. Lück wurde eingezogen und fiel bald darauf an der Front. Die Unterlagen fielen bei Kriegsende in polnische Hand. Der Historiker Altman vom polnischen West-Institut sorgte dafür, dass eine Kopie der Kartei 1959 dem Bundesarchiv überlassen wurde. Die gesamten Originalunterlagen, auch jene über die damals noch nicht aufgeklärten Fälle, befinden sich heute im Staatsarchiv Posen (Archivum Panstwowe w Poznaniu) und können eingesehen werden. Nach Auskunft einer Gewährsperson hat bis heute aber kein deutscher Historiker danach gefragt. Über das Schick­sal der Unterlagen in der Bundesrepublik Deutschland siehe nebenstehenden Kasten.

Bis heute gibt es keine Abschlußzahlen der Verluste der deutschen Volksgruppe in Polen. Die seinerzeit von der „Gräberkartei“ festgestellte Zahl von 5.791 Toten und Vermißten dürfte die untere Grenze darstellen; zusammen mit den erwähnten Fällen in den ersten acht Monaten des Jahres 1939 kommt man auf etwas über 5.800 getötete deutsche Zivilisten in Polen im Jahre 1939.

Auf alle Fälle widerlegt die Tatsache, dass Tausende von Angehörigen der deutschen Minderheit in Polen am Beginn des Krieges umgebracht wurden, die Behauptung maßgebender polnischer Persönlichkeiten wie etwa des zweimaligen Außenministers Wladyslaw Bartoszewski, die Polen seien nie Täter, sondern immer nur Opfer gewesen.

Quelle: PAZ