Posts mit dem Label Pommern werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Pommern werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 29. Januar 2011

Die Nachkriegszeit in Pommern


Jener Teil Pommerns, der 1945 unter polnische Verwaltung gestellt wurde, betrug ca. 31.000 Quadaratkilometer, das sind etwa 81 Prozent der Fläche Pommerns, also vier Fünftel von 1939 (38.400 Quadaratkilometer). Nach Schätzungen ist davon auszugehen, daß im Sommer 1945 noch weit über 50 Prozent der pommerschen Bevölkerung dort lebte, in der Landeshauptstadt Stettin waren es über 81.000, die bis dahin unter einer deutschen kommunistischen Stadtverwaltung einem vermeintlichen Neubeginn entgegensahen, denn ein Großteil von ihnen war vorher gen Westen nach Vorpommern und Mecklenburg geflohen und von den Sowjets gezwungen worden, nach Stettin zurückzukehren. Diese im Ergebnis doppelte Flucht und Vertreibung kostete unter den damaligen Umständen besonders viele Opfer. Unbeschreibliche Zustände spielten sich auch in dem unter polnischer Verwaltung stehenden Vertreibungsdurchgangslager in Stettin-Scheune und in dem Lager Stettin-Frauendorf ab.


Vertriebene auf der Flucht
Die erste polnische Volkszählung vom 14. Februar 1946 für die neu gebildeten Verwaltungsbezirke bzw. Wojewodschaften Stettin und Köslin ergab, daß von den 892.000 Personen noch 116.000 als Deutsche bezeichnet wurden, also etwa 13 Prozent. Teilweise Ganze Dörfer blieben jedoch bis zur letzten Ausreisewelle 1957 deutsch besiedelt, weil der polnische Staat bis dahin auf die Arbeitskräfte nicht verzichten konnte. Es gab dort sogar deutschen Unterricht. Dies betraf auch Fachkräfte, vor allem im maritimen Bereich (Hafen, Schiffbau), da es hier in dem de facto vorherigen Binnenland Polen kaum Erfahrungen gab, lediglich ab 1918 in Gdingen (von 1939-1945 Gotenhafen). Der Prozeß der Vertreibung zog sich also bis 1957 hin.

Die Polen, die sich nun zunehmend in Pommern ansiedelten, kamen zu über der Hälfte aus Zentralpolen und nur zu etwa einem Drittel aus jenen Gebieten, die nun an die Sowjetunion (inkl. Litauen bzw. ab 1940 Litauische SSR) zurückgefallen sind, auch wenn fälschlich oft das Gegenteil behauptet wird.

In den Jahren 1945/46, jedoch sogar bis 1957, fand also ein völliger Bevölkerungsaustausch Pommerns statt. Die Vertreibung der deutschen ansässigen Bevölkerung bedeutete ja nicht, daß hier jene Deutschen vertrieben wurden, deren Vorfahren sich vor 700 Jahren hier angesiedelt hatten, sondern daß mit den Pommern eine Bevölkerung vertrieben wurde, in der die vorher seit 600/700 n. Chr. ansässige wendische bzw. slawische Bevölkerung zu 100 Prozent mit den von den Pommernherzögen ins Land gerufenen deutschen Siedlern verschmolzen ist, was sich auch leichtestens an dem Familien- bzw. Nachnamensbestand der vertriebenen Pommern ablesen lässt. Vertrieben wurden also mit den Pommern auch die Nachkommen der assimilierten slawischen Vorbevölkerung, deren Muttersprache schon im Mittelalter Niederdeutsch geworden war. Angesiedelt an derer statt wurden slawischen Polen, deren Vorfahren nie in Pommern gelebt haben, sondern ständig danach trachteten, Pommern in ihren Besitz zu bringen, etwas, was besonders sinnfällig wird in dem polnischen Mythos von der Vermählung mit dem Meer, was bis heute in Kolberg jährlich rituell nachvollzogen wird. 

Polnische Propaganda der "Wiedergewinnung" des Meeres
Die polnische Propagandalüge von der Wiedergewinnung der alten West- und Nordgebiete ist keinesfalls auf die Ideologie der regierenden Kommunisten beschränkt gewesen, deren Wurzeln sind schon in der nationalen Erweckungsbewegung Anfang des 19. Jahrhunderts zu finden. Auch die polnische Katholische Kirche war mit von der Partie. Aus Sicht der polnischen Katholischen Kirche sind die mit der Reformation vom rechten Glauben abgefallenen Gebiete, auch Pommern, nun wieder dem rechten Glauben zugeführt worden, wenn auch dafür die ganze Bevölkerung ausgetauscht werden mußte, was natürlich hier verschwiegen wird. Es haben also nicht die eingesessenen Gemeinden zum katholischen Glauben zurückgefunden, diese sind vielmehr erloschen, da deren Glieder ja vertrieben wurden. Gebildet wurden völlig neue Gemeinden mit Gliedern, die dort nie verwurzelt waren.

Die Vertreibung der Deutschen, also auch der deutschen Pommern, aus ihren angestammten Siedlungsgebieten wird zumeist mit dem „Potsdamer Abkommen“ begründet. Die Beschlüsse dieses Abkommens widersprechen jedoch jeglichen völkerrechtlichen Minimalstandards, daher findet sich dort im Text der Verweis auf eine Gültigkeitsklausel bis zum Zeitpunkt eines später noch zu schließenden Friedensvertrages (also mit Deutschland am Tisch), den es nie gegeben hat (US-Außenminister Byrnes bewertete das Potsdamer Abkommen in einem Brief vom 15. Januar 1946 an USPräsident Harry Truman so: „In Potsdam wurden wir vor vollendete Tatsachen gestellt und durch die Umstände gezwungen zuzustimmen. Es war ein willkürlicher Gewaltakt.“). 

Proteste gegen die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie
Die polnische Rechtfertigung für die Inbesitznahme läuft oft auf die Abwälzung der Schuld auf die Siegermächte hinaus. Dabei war Polen selbst sehr aktiv um möglichst viel deutsches Territorium zu bekommen und zwar nicht nur das Lubliner Komitee, sondern auch der Leiter des Westinstituts Posen Zygmunt Wojciechowski. Wäre es nach ihm gegangen, wäre nicht nur Usedom, sondern auch generell ein 15 Kilometer breiter Streifen westlich der Oder/Neiße (also mit Frankfurt/Oder, ganz Görlitz und ganz Guben, im Norden inklusive Ueckermünde und Lubmin) zu Polen gelangt.

Noch ärger trieben es die polnischen Partner in ihren Verhandlungen mit Stalin. Der hat den Polen schroff das von ihnen geforderte Rügen verweigert („Rügen bekommt ihr das nächste Mal“), dies geht aus polnischen Quellen hervor. Im Raum Stettin hat Stalin offenbar Polen nachgegeben und in einer gesonderten Vereinbarung noch reichlich Land westlich von Stettin und Oder dazugegeben. Der Text des Potsdamer Protokolls gibt das nicht her, danach wäre Stettin deutsch geblieben.

An die Stelle der 1945 im Potsdamer Protokoll beabsichtigten Friedenskonferenz trat 1990 allerdings der Zwei-plus-Vier-Vertrag mit dessen Ratifizierung durch den Bundestag und durch die Volkskammer der "DDR" der Status quo, also der des Potsdamer Abkommens plus weiterer Grenzverträge zwischen der Sowjetadministration sowie der "DDR" (z.B. Görlitzer Vertrag von 1950) mit Polen bestätigt wurden. Erst durch dessen Ratifizierung am 15. März 1991 (nicht früher!) waren Hinterpommern und Stettin sowie ein vorpommerscher Streifen westlich von Oder und Swine nun (faktisch, aber nicht juristisch rückwirkend) aus dem deutschen Staatsverband ausgegliedert und zu Polen zugehörig anerkannt. Der größte Teil Vorpommerns (abzüglich Swinemünde und eines linksodrigen Streifens nach Süden bis vor Gartz) wurde 1945 Teil der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und des von den Sowjets und deutschen Kommunisten gebildeten Landes Mecklenburg- Vorpommern, eine Verwaltungseinheit von zwei Ländern, die es nie zuvor in der Geschichte gegeben hat. Im Zusammenhang mit der Auflösung des Staates Preußen durch ein Gesetz des Kontrollrates der vier Mächte 1947, tilgte die Sowjetadministration auch den Namen Pommern (da vor der Kapitulation preußische Provinz), folglich durfte ab 1947 Mecklenburg-Vorpommern nur noch Mecklenburg heißen.

Karte Stettins - ganz klar westlich der Oder
Dieser Prozeß der Entpommerung wurde nach Gründung der stalinhörigen "DDR" 1949 fortgeschrieben, in dem das kommunistische Prinzip des Leninschen Demokratischen Zentralismus auf den Verwaltungsaufbau der DDR angewandt wurde. Die fünf Länder auf dem Gebiet der SBZ/"DDR" mit ihren Regierungen wurden 1952 kurzerhand aufgelöst zugunsten der Einteilung dieses Gebietes in 15 ahistorische Bezirke mit den jeweiligen Kreisen. Bei dieser Gelegenheit wurde das unter DDR-Verwaltung gebliebene Restpommern (Vorpommern ohne Swinemünde und ohne den östlichen Teil der Kreise Ueckermünde und Randow) gleich auf drei Bezirke aufgeteilt (Rostock, östlicher Teil; Neubrandenburg, östlicher Teil; Frankfurt, der nordöstlichste Zipfel um die Oderstadt Gartz). Keine der größeren pommerschen Städte wurde Bezirksstadt, auch nicht Greifswald (ein Nordost-Bezirk wäre denkbar gewesen), das damals mehr als doppelt so groß wie Neubrandenburg war. 

IM Tulpe besiegelte 1990 den Verrat an den Deutschen
Damit verschwand die Landesbezeichnung „Vorpommern“ in der "DDR", denn es erinnerte zu sehr an Pommern. Einzig im evangelisch- kirchlichen Rahmen hielt sich der Name Pommersche Evangelische Kirche (eine Gliedkirche der Evangelischen Kirche der Union, EKU) mit neu geschaffenem Bischofsamt und Bischofssitz in Greifswald noch bis 1968! Fortan bis zur politischen Wende 1990 musste sie sich Landeskirche Greifswald nennen, bis dann die Rückbenennung erfolgen konnte. Das Überdauern und Wachhalten des Namens Pommern im kirchlichen Raum durch die Reste des christlich geprägten Bildungsbürgertums war dann eine wesentliche Voraussetzung für die Reanimierung des Namens Vorpommern in der Landsbezeichnung Mecklenburg-Vorpommern. Im säkularen Raum der "DDR" war der Name Pommern/Vorpommern fast mit Erfolg aus dem Bewußtsein getilgt worden, auch wenn er mit Beginn der 1980er Jahre eine Lockerung eintrat, was den Gebrauch im wissenschaftlich/populärwissenschaftlichen Raum angeht (z.B. Demminer Kolloquien).




Freitag, 28. Januar 2011

Pommern unter der national-sozialistischen Diktatur und im Zweiten Weltkrieg

Die Machtübernahme 1933 gestaltete sich für die Nationalsozialisten bei der oben genannten Ausgangslage in Pommern problemlos. Ein weiteres Verhängnis sollte darin bestehen, dass die NSDAP mit Franz Schwede (er nannte sich Schwede-Coburg) 1934 einen Gauleiter für den Gau Pommern bestellte (die preußische Provinz bestand mit der NSDAP-Machtübernahme nur noch proforma), der sich als besonders ergeben und brutal und in diesen Eigenschaften als erfolgreich in der oberfränkischen Stadt Coburg erwiesen hatte. 

Evakurierung Kolbergs
Diese Stadt gewann er als erste im Reich für die NSDAP. Er hatte dort persönlich an Mißhandlungen von Nazi-Gegnern teilgenommen. Die Verfolgung der Juden – besonders seit der „Reichskristallnacht“ 1938 – wurde von Schwede mit besonderem Eifer betrieben. In Stettin wurde 1940 reichsweit überhaupt der erste Transport zusammengestellt, der deutsche Juden aus dem Reich (dem Stettiner Raum) außerhalb der Reichsgrenzen nach Lublin deportierte, dies schon mit einer sehr hohen Opferzahl. Für den Übereifer bzw. die Eigeninitiative gab es sogar einen Rüffel aus Berlin, weil dafür noch keine Planungen und Vorbreitungen vorgelegen hatten. Die ersten vertriebenen, deportierten und massenhaft umgebrachten Pommern in jenem Jahrhundert waren Juden!

V2 beim Start, erreiche 84 km den Weltraum
Bereits seit 1936 wurde in Peenemünde ein Raketenversuchsprogramm betrieben, das in die Erprobung der später sogenannten V-(V=Vergeltung) Waffen mündete, denen über 6.184 Londoner und Tausende Antwerpener zum Opfer fielen (vor allem durch den ersten Marschflugkörper V1). Tausende KZ-Häftlinge mußten bei der Produktion im Harz sowie durch Bombenangriffe auf Peenemünde ihr Leben lassen. Die Ambivalenz dieses Programms ist daran ablesbar, daß in diesem Rahmen von einer Peenemünder Rampe zum ersten Mal eine Rakete (A4/V2) mit 84,5 km den Weltraum (nach NASA-Definition 80 km) erreichte und vor allem alle wichtigen Raketenprogramme – die der USA, der Sowjetunion und auch Frankreichs – auf den Forschungen dieses Programms basieren, alle unter Einbeziehung von angeworbenen Peenemünder Ingenieuren. Selbst das erfolgreiche US-Mondfahrtprogramm Apollo basierte darauf.

Stargard vor dem Krieg, das pommersche Rothenburg
Der Beginn des Zweiten Weltkrieges mit dem Angriff auf Polen erfolgte in breiter Front von pommerschem Gebiet aus in Richtung Tucheler Heide (Westpreußen), daran nahm in vorderster Front auch der spätere Bundespräsident Richard von Weizsäcker teil. Ab Ende Januar 1945 erreichte dann der Landkrieg (vorher schon der Bombenkrieg Stettin, Anklam, Stralsund, Peenemünde und Sassnitz) auch pommersches Gebiet. Zunächst jenes Gebiet, das erst 1938 durch Franz Schwede in Pommern als Grenzmark Posen-Westpreußen (Hauptstadt Schneidemühl) eingegliedert wurde. Der mit großem propagandistischen Aufwand errichtete Pommernwall erwies sich als völlig bedeutungslos.

Stargard nach dem Krieg
Furchtbare Szenen spielten sich auch bei der Evakuierung der Bevölkerung über die Ostsee ab, der Untergang der Wilhelm Gustloff mit Tausenden Zivilisten vor der pommerschen Küste ist nur das namhafteste Beispiel. Immerhin aber gelang es, den größten Teil der Bürger sowie Flüchtlinge (70.000-80.000) aus der eingeschlossenen Stadt Kolberg über See zu retten, obgleich weit über hundert der bereits aus Kolberg Evakuierten bei dem schweren amerikanischen Bombenangriff auf Swinemünde durch Volltreffer auf im Hafen liegende Schiffe ums Leben kamen. Nur ein Jahr zuvor mussten der Name Kolbergs und die Kulissen der Stadt Treptow für den gleichnamigen Propagandafilm von Josef Goebbels (Regie Veit Harlan) herhalten.

Stralsund bei Kriegsende
Der Vormarsch der russischen Truppen in Pommern war von besonderer Grausamkeit gegen die Zivilbevölkerung gekennzeichnet, die aufgrund der NS-Durchhalteparolen häufig erst zu spät die Treck- bzw. Fluchterlaubnis erhielt. Diese besondere Grausamkeit, einhergehend mit Massentötungen und Massenvergewaltigungen, hatte wohl ihren Grund in dem Vertreibungsdruck, der ausgeübt werden sollte, denn die Abtrennung der ostdeutschen Provinzen von Deutschland war von den Siegermächten bereits in Jalta beschlossen worden.

Von der Sowjetarmee zerstörter Flüchtigstreck
Nach 1945 wurde das östliche Pommern mit Stettin (Stettin entgegen dem Text des Potsdamer Protokolls) und Swinemünde unter polnische Verwaltung gestellt, die deutsche Bevölkerung völkerrechtswidrig vertrieben und über ganz Deutschland jenseits der Oder verstreut, größtenteils nach Vorpommern, Mecklenburg, Schleswig-Holstein und in das 1946 neu gegründete Land Nordrhein- Westfalen. Hierher, vor allem ins Ruhrgebiet, kamen in den 1950er Jahren die meisten Pommern, da sie hier in großem Umfang Arbeit bekamen, etwas, was das bis dahin westliche Hauptaufnahmeland Schleswig-Holstein nicht leisten konnte.


Donnerstag, 27. Januar 2011

Pommerns Teilung bis zur Ersten Republik 1919

Stralsund: Schwedisches Kommandantenhaus
Einen tiefen Einschnitt brachte der Dreißigjährige Krieg (1618- 1648), der – zu großen Teilen zwischen schwedischen Truppen und Kaiserlichen auf pommerschem Territorium ausgetragen – die Bevölkerung Pommerns auf die Hälfte reduzierte. Seinen Beginn nahm dieses Verhängnis mit der Landung des Schwedenkönigs Gustav II. Adolf am 6. Juli 1630 in Peenemünde. Er war mit finanzieller Unterstützung des katholischen Frankreichs in den bisher deutschen Krieg eingetreten, um den Protestantismus in Norddeutschland zu retten (was gelang) und um eine schwedische Großmachtposition aufzubauen, was zumindest im Ostseeraum glückte, wenngleich Gustav Adolf diese Früchte nicht mehr ernten konnte. In diese Zeit fiel mit dem Tod des letzten Greifenherzoges Bogislaw XIV. 1637 das Ende der Greifendynastie im Mannesstamm. Bei all den Grausamkeiten, die auf pommerschem Boden die Bevölkerung dezimierten, ist das Massaker an der Zivilbevölkerung und das Inferno zu nennen, das unter dem Kommando des kaiserlichen Obristen Hans von Goetz in Pasewalk verübt wurde.

Stettin: Berliner Tor (1725)
Nach dem Westfälischen Frieden 1648 fiel Vorpommern und ein Landstreifen östlich der Oder (einschließlich Stettin, Altdamm und Gollnow) unter schwedische Herrschaft (das sogenannte Schwedisch Pommern), blieb jedoch weiterhin Teil des Römischen Reiches Deutscher Nation. Königin Christina von Schweden (in der Nachfolge die schwedischen Könige) war damit zugleich deutsche Reichsfürstin mit Sitz und Stimme im Reichstag. Ein Status, der bis zum Ende des Reiches 1806 galt. Erst danach, also 1806, wurde Schwedisch Pommern (der Rest nördlich der Peene) in das Königreich Schweden (bis 1814), eingegliedert, aber nur juristisch, kaum real, weil die Wirren der napoleonischen Kriege mit mehrfachen Besetzungen Vorpommerns dies verhinderten. Im Zusammenhang mit der napoleonischen Besetzung ist erwähnenswert, dass Kolberg neben Graudenz in Westpreußen die einzige preußische, ja deutsche Stadt war, die durch den Widerstand unter Neidhardt von Gneisenau und Joachim Nettelbeck nicht von den napoleonischen Truppen eingenommen werden konnte und auch nicht nach dem Waffenstillstand vom 7. Juli 1807 besetzt wurde.

1814 gelangte Vorpommern im Tausch gegen Norwegen an Dänemark, was aber faktisch nicht mehr vollzogen wurde, so dass die Übergabe an Preußen (beschlossen auf dem Wiener Kongress 1815) durch Schweden erfolgte.

Stargard vor dem Krieg
Hinterpommern, das allerdings erst 1654 von Schweden geräumt wurde, fiel nach dem Aussterben des pommerschen Herzogshauses und gemäß des Westfälischen Friedens an Brandenburg. Brandenburg bzw. inzwischen Preußen konnte im Frieden von Stockholm (1720) Stettin und Vorpommern bis zur Peene und zum Peenestrom hinzugewinnen (Altvorpommern), vorher war Stargard Verwaltungssitz. Zwar war es 43 Jahre zuvor dem Großen Kurfürsten 1677 gelungen, unter schwerem Beschuß (Turm von St. Jakobi zerstört) Stettin zu erobern, jedoch mußte er dies im Frieden von St. Germain an Schweden zurückgeben. Pommern sollte in der Folge ein preußisches Kernland werden, das nach der ersten Teilung Polens (1772) durch die Vergrößerung Preußens fast 150 Jahre lang keine direkte Grenze zu einem polnischen Staat hatte.

Anklam: Markt 1841
Vorpommern nördlich der Peene blieb bis 1814/15 der letzte Teil von Schwedisch Pommern (dazwischen gab es noch ein fünfjähriges dänisches Interim). Nach der Übergabe an Preußen nannte man es Neuvorpommern (der vor Preußen neu hinzugewonnene Teil Vorpommerns; Gegensatz Altvorpommern – der schon 1720 gewonnene Teil Vorpommerns). Aus Neuvorpommern wurde der Regierungsbezirk Stralsund gebildet, der bis 1932 Bestand hatte, dann wurde er in den Regierungsbezirk Stettin eingegliedert.

Bis aber Preußen in den Besitz ganz Pommerns gelangte, wurden auf dem Gebiet Pommerns zahlreiche Kriege der Mächte Schweden und Preußen in unterschiedlichen Konstellationen ausgefochten (Großer Nordischer Krieg, Siebenjähriger Krieg), so daß sich das Land vom Westfälischen Frieden (1648) bis zum Wiener Kongress (1815) kaum erholen konnte, sondern schwer darniederlag. Greifswald hatte beispielswiese 1805 etwa die gleiche Einwohnerzahl wie nach dem 30-jährigen Krieg, also mehr als 150 Jahre zuvor.

Eine deutliche Blüte erlebte (nun ganz) Pommern unter Preußen nach der Wiedervereinigung Pommerns von 1815. Jetzt erst überholte Stettin in Einwohnerzahl und Wirtschaftskraft Stralsund, das bis dahin immer die bedeutendste Stadt Pommerns war (seit Zugehörigkeit zum Herzogtum 1325/54) und zwar so bedeutend, daß es sich zur Herzogszeit kaum um die Landesherrn scherte. 

Stettin: Baumbrücke
Der Produktivitätszuwachs auf dem Lande führte bald zu einem Bevölkerungsüberschuß und einer daraus resultierenden Landflucht in die großen Städte, vor allem nach Berlin. Weiterhin wanderten große Gruppen nach Nordamerika aus (vor allem in den US-Staat Wisconsin, wo sich heute noch ein bedeutender Teil zu seinen pommerschen Wurzeln bekennt) und nach Brasilien, besonders in die südbrasilianischen Bundesstaaten Santa Catarina und Rio Grande do Sul. Die Nachfahren der Pommern nennen sich dort Pomeranos (bedeutender Ort ist die Stadt Pomerode), die viel von der plattdeutschen Sprache (Pommersch Platt) und von der Kultur ihres Ursprungslandes und dazu ihre evangelische Konfession bewahrt haben. Die ca. 250.000 Pom(m)eranos sind die größte Gruppe Deutschstämmiger (2 Millionen) in Brasilien (190 Mio.).

Der Prozeß des Aufschwungs der preußischen Provinz Pommern beschleunigte sich noch einmal mit der Gründung des Kaiserreiches 1871 und zwar in jeder Hinsicht: Wirtschaft (Industrialisierung, Handel, Landwirtschaft und Fremdenverkehr, Stettin kletterte über die 100.000 Einwohner-Marke und wurde Großstadt) wie auch Kultur und Bildung: Die Universität Greifswald erlebte einen nie zuvor dagewesenen Aufschwung. Stettin war längst nicht nur Hafen- und Werftstadt (z B. Vulcan, Oderwerke, Greifenwerft), hier wurde u.a. in der Nachfolge der Firmengründung von Bernhard Stoewer sen. Autos, Fahrräder, Nähmaschen, Schreibmaschinen usw. hergestellt.

Der ganze Gegensatz dazu war nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg bzw. 1919 nach dem Frieden von Versailles zu beobachten. Pommern konnte sich wirtschaftlich von den Kriegsfolgen nicht erholen, so daß auch hier (wie im Reich allgemein) die Weimarer Republik weitgehend unpopulär war. Pommern hatte nun nach 150 Jahren wieder eine Grenze zu Polen. Die Schikanen, welche die Land-Durchreisenden (Eisenbahn) von Pommern nach Danzig und Ostpreußen seitens der Zweiten Polnischen Republik ausgesetzt waren, blieben nicht ohne Rückwirkung auf die Beurteilung Polens in der öffentlichen Meinung Pommerns. Es mußte von Stettin aus extra ein Seedienst Ostpreußen aufgebaut werden, um den „Polnischen Korridor“ auf dem Seeweg zu umgehen.

Kösliner Siedlung für Westpreußen
Hinzu kam das Unruhepotential, das durch die Aufnahme jener Deutschen entstand, die von dem neu geschaffenen polnischen Staat aus Westpreußen und Posen gedrängt, de facto also schon vertrieben wurden. Neue Siedlungen mußten für diese geschaffen werden, was bei der allgemeinen Armut die Probleme verschärfte.

Diese Umstände, aber auch die traditionell obrigkeitstreue Landbevölkerung war eine Grundlage für die – im Vergleich zum Reich – überdurchschnittliche Anhängerschaft deutsch-nationaler Strömungen (Ausnahme die Hafen- und Industriestadt Stettin und Umland mit sozialdemokratischer und kommunistischer Anhängerschaft von über 50%). Die starke deutsch-nationale Verwurzelung (Partei: DNVP) wurde dann durch den Abschluß der Harzburger Front, was einem Ritterschlag der NSDAP gleichkam, zum Verhängnis (die NSDAP war vorher in Pommern völlig unbedeutend, noch bei der Reichstagswahl 1928 bekam sie nur 1,5% bei einem Reichsdurchschnitt von 2,6 %!).



Mittwoch, 26. Januar 2011

Reformation 1534 und Beginn der Frühen Neuzeit in Pommern


Die Einführung der Reformation in Pommern 1534 auf dem Landtag zu Treptow (an der Rega) in Anwesenheit des pommerschen Reformators Johannes Bugenhagen und die Gegenreformation in Polen ab 1587 führten zu einem grundlegenden Wandel. Da das pommersche Herzogshaus von nun an protestantisch wurde, war eine Heiratspolitik in Richtung des katholischen Polen faktisch unmöglich. Ab jetzt wurde nur noch in Richtung deutscher Fürstenhäuser geheiratet, vor allem Braunschweig-Lüneburg und als Krone in Richtung des (höherrangigen) Kurfürstentums Sachsen. Ein künstlerisches Zeugnis dieser Verbindung ist der später so genannte Croÿ-Teppich.

Der Wandel mit der Reformation beschränkte sich natürlich nicht nur auf das Herzogshaus. Mit der Säkularisierung der Klostergüter (zugunsten des Landesherren) u.ä. vollzog sich im gesamten Land ein tiefgreifender Wandel, der fast alle Lebensgebiete betraf. Erstmalig kam es zur Bildung einer Landeskirche, die das ganze Land erfasste, vorher war Pommern kirchlich dreigeteilt – Insel Rügen: Bistum Roskilde; Festlandsrügen (Stralsund, Barth, Tribsees): Bistum Schwerin; das alte Pommern (abzüglich der Fläche des nur bis 1325 bestehenden Fürstentum Rügen): Bistum Cammin. Die Lande Bütow und Lauenburg nahmen wieder eine Sonderstellung ein, hier wirkte sich die Gegenreformation von Polen her aus, so daß ein bedeutender Teil der Gemeinden wieder katholisch wurde.

Bogislaw XIV.
Das für das pommersche Herzogshaus gültige Prinzip der Realteilung (auch in zahlreichen anderen deutschen Landen üblich wie z.B. Braunschweig-Lüneburg), also die Teilung des Landes (auf die Söhne), statt der Vergabe an den Erstgeborenen, brachte zahlreiche Aufsplittungen in Teilherzogtümer und unterhalb dieser Ebene in Herrschaften mit sich. Die beiden bedeutendsten Teilherzogtümer, die sich zweimal für eine längere Zeit herausbildeten, waren Pommern-Wolgast (Hauptresidenz in Wolgast) und Pommern-Stettin. Hier sind zwei Landeshauptteilungen zu nennen: die von 1295 in Pommern-Wolgast (den nördlich Teil mit der gesamten Küste, damals noch ohne Fürstentum Rügen) und in Pommern Stettin südlich davon. Die zweite Landeshauptteilung 1532 trennte Pommern in einen westlichen Teil (Pommern-Wolgast) und einen östlichen Teil (Pommern-Stettin). Diese zweite Teilung war grundsätzlicher Natur, weil damit zwei Landesverwaltungen geschaffen wurden, die auch dann weiterbestanden hatten, als Pommern letztmalig wieder in einer Herzogshand vereint war – unter Bogislaw XIV.

Neben der Reformation ist dem pommerschen Herzogshaus eine Kulturleistung anzurechnen, die bis heute Bestand hat und sich segensbringend für die nähere Region ausgewirkt hat: die Universität Greifswald. Die Hauptinitiative ging von dem Bürgermeister Heinrich Rubenow aus, jedoch wäre diese Gründung 1456 ohne den fürstlichen Gründer Wartislaw IX., der die Hochschule auch zu seiner Sache gemacht hat, und ohne die Fürsprache und Begleitung des Camminer Bischofs Henning Iven nicht möglich gewesen. Sein bester Mann, der Kolberger Dompropst Nicolaus Bruckmann, erledigte die entsprechende Vorbereitung bei der Römischen Kurie auf delikate Art und Weise mit 390 Dukaten (eine päpstliche Urkunde zur Gründung war notwendig). Ihm gelang es so, den Rostocker Einspruch wirkungslos verpuffen zu lassen.

Herzog Philipp I.
Aber es war nicht die Gründung alleine, die den Bestand sicherte. Hinzu kamen fast 100 Jahre später die kontinuitätssichernden Maßnahmen durch Herzog Philipp I. mit seiner Wiederaufrichtung der Universität nach den Wirren der Reformation, und die Schenkung des letzten Pommernherzoges Bogislaw XIV., der mit der Überschreibung des Amtes Eldena die wirtschaftliche Existenz einschließlich aller Bauten (auch das Universitäts-Hauptgebäude von 1750) bis zum Beginn des zweiten Kaiserreiches 1871 sicherte. Die Existenz der Landesuniversität Greifswald (der einzigen Universität in Pommern zu deutscher Zeit) ist also wesentlich diesen drei Herzögen plus Herzog Ernst Ludwig (Bau des Vorläufer-Kollegs des heutigen Hauptgebäudes) plus ihrem Förderer Bogislaw von Croÿ (Neffe Bogislaws XIV). zu verdanken.

Freitag, 14. Januar 2011

Pommern – Christianisierung und Bestandteil des Deutschen Reiches



Viele Deutsche wissen mit der Bezeichnung Pommern kaum etwas anzufangen. Noch schwieriger wird es dadurch, daß die für den deutschen Sprachraum einzigartigen Begriffe wie Vorpommern und Hinterpommern hinzukommen. Soviel vorneweg, Vorpommern liegt nicht etwa vor Pommern, sondern es ist der vordere Teil Pommerns – analog dazu Hinterpommern.

Pommern ist spätestens seit 1232 Teil des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Die pommerschen Herzöge wurden zunächst Aftervasallen der Brandenburgischen Markgrafen des Geschlechts der Askanier, erreichten aber später die Reichsunmittelbarkeit, zuletzt mit Brandenburg in vertraglicher Form im Vertrag von Grimnitz (1529) abgesichert, – zu jenem Zeitpunkt allerdings ohne das Fürstentum Rügen (bis 1325, die Fürsten von Rügen waren Vasallen der dänischen Krone). Vor 1200 geriet Pommern in wechselnde Abhängigkeiten von Polen (Boleslaw Chrobry), Dänemark (1168-1227) und dem Heiligen Römischen Reich (Kaiser Barbarossa 1181), was aber nicht mit einer dauerhaften und festen Einbindung in das jeweilige Staatswesen einherging.

Bis 1945 gehörte ganz Pommern zum deutschen Staatsverband (siehe dazu weiter unten), heute gehört nur der größte Teil Vorpommerns dazu, der (laut Landesverfassung von Mecklenburg-Vorpommern) gemeinsam mit Mecklenburg das Bundesland Mecklenburg-Vorpommern bildet.

Das deutsche Wort Pommern leitet sich von dem slawischen Wort Pomorje (Land am Meer) her, welches das Siedlungsgebiet des slawischen Stammes bzw. Stammesverbandes der Pomoranen (die am Meer Wohnenden; Gegensatz: Polanen: die Feldbewohner) bezeichnet. Die Pomoranen siedelten etwa von der Danziger Bucht im Osten bis zur Insel Wollin im Westen. Sie besiedelten ab dem 6./7. Jahrhundert, das weitgehend von germanischen Stämmen freigezogene Land. Dabei muss es zur Assimilation der verbliebenen germanischen Vorbevölkerung gekommen sein, wie archäologische Befunde nahelegen. Auch gab es mehrfach Siedlungskontakt zu den Wikingern bzw. sogar wikingische Siedlungen (Menzlin).

Westlich der Pomoranen (westlich der Oder) siedelten die Stammesverbände der Lutizen (Wilzen), von denen größere Teile bis zur Trebel und zum Kummerower See in den pommerschen Staat eingegliedert wurden. Eine wesentliche Voraussetzung für die Gründung eines christlich fundierten pommerschen Staates war die Mission des Bischofs Otto von Bamberg auf seinen beiden Missionsreisen 1124 und 1128. Die Christianisierung Pommerns durch Otto von Bamberg, die Gründung des Bistums Wollin, später verlegt nach Cammin und die Taufe des Herzogs Wartislaw I. der später einem Anschlag zum Opfer fiel, verhinderte letztlich die gewaltsame Einverleibung Pommerns durch deutsche Fürstenhäuser, aber auch durch das Herzogtum Polen, später Königtum Polen.

Nordwestlich des pommerschen Staates der Greifendynastie (etwa nördlich von Ryck und Trebel, einschließlich der Insel Rügen), bildete sich auf dem Siedlungsgebiet der Ranen ein eigenes, unter dänischer Oberhoheit stehendes Fürstentum Rügen heraus. Dies geschah, nachdem der dänische Bischof Absalon von Roskilde als Präventivmaßnahme gegen die Seeräuber-Überfälle der Ranen auf Bornholm und Schonen die Ranenfestung Arkona sowie ganz Rügen eroberte und die Ranenfürsten zu Vasallen des dänischen Königs machte. Die Christianisierung Rügens erfolgte also durch Dänemark.

Die Rügenfürsten pflegten verwandtschaftliche Beziehungen zum pommerschen Herzogshaus, wodurch Wizlaw II. in den Besitz eines Landstreifens nördlich von Schlawe gelangte und dort die Stadt Rügenwalde gründete. Die verwandtschaftliche Beziehungen waren es auch, die eine Übernahme des Fürstentums Rügen durch Pommern für den Fall des Aussterbens des Fürstenhauses festlegte, was von Mecklenburg zunächst nicht anerkannt wurde.

Ein slawischer Stamm des östlichen Siedlungsraumes Pommerns, die Kaschuben, hat seinen Charakter als slawische Minderheit bis in die neueste Zeit erhalten, ist aber in seinem pommerschen Siedlungsgebiet – Ironie der Geschichte – in Schüben bis 1957 zu großen Teilen den vertriebenen deutschen Pommern in die Bundesrepublik gefolgt, weil sich die Lebakaschuben von den Polen nicht respektiert fühlten – gerade sie, die den slawischen Anspruch auf das Land in der polnischen Propaganda rechtfertigen sollten.

Seinen weitgehend deutschen Charakter, natürlich unter mehr oder minder starker Aufnahme wendischer bzw. slawischer Elemente, erhielt, Pommern (auch Rügen, denn dänische Siedlungswillige gab es nicht) durch niederdeutsche Siedler (Niedersachsen, Westfalen, Niederfranken bzw. Märker mit niederfränkisch-flämischer Herkunft). Sie wurden von den slawischen Fürsten (Rügenfürsten und pommerschen Herzögen) ins Land gerufen, etwa mit Beginn der Klostergründungen (ab 1153, Stolpe). Die Niedersachsen und zum Teil auch die Westfalen brachten das Hallenhaus (Altsächsisches Bauernhaus) mit und siedelten im Küstenbereich, die Märker von Süden her die Oder hinauf. Die Siedler – so auch die Absicht – stärkten die Wirtschafts-, Finanzkraft der wendischen Herzöge, aber auch die Wehrkraft gegen das Streben der polnischen Piasten nach dem Land am Meer. Die deutschen Siedler gründeten in den 120 Jahren zwischen 1234 und 1354 den Großteil aller pommerschen Städte. Sie brachten ein deutsches Rechtssystem mit (Lübisches oder auch Magdeburger Recht), das von ihren jeweiligen slawischen Landesherren in Form einer Stadtgründungsurkunde verliehen wurde. Es gab auch schon davor frühstädtische slawische Siedlungen, deren bedeutendste auf pommerschem Gebiet Vineta/Wollin war. Allerdings besaßen diese keinen klar definierten Rechtsstatus.

Von den deutschen Siedlern gegründete pommersche Seestädte traten in großer Zahl dem mächtigsten Städtebund des Ostsee- und Nordseeraumes bei, der Hanse: Stralsund (die bedeutendste), Greifswald, Anklam, Demmin, Stettin, die „overswinischen Städte“ Wollin, Stargard, Treptow/Rega, Kolberg, Köslin, Rügenwalde und Stolp. Dieser Zahl stehen im westlich benachbarten Mecklenburg nur Rostock und Wismar gegenüber. Letztere Städte bildeten mit Stralsund, Greifswald und Lübeck an der Spitze das Wendische Quartier. Beim Städtebau dominierte in Pommern der Backstein, das Land liegt ganz im Verbreitungsgebiet der Backsteingotik. Allerdings sind vor allem die Dorfkirchen im märkischen Siedlungsbereich häufig aus Feldsteinen bzw. Granitquadern errichtet. Heute wird bei der Rückschau auf die Hanse oft und gern übersehen, dass dies ein Bund deutscher Kaufleute war, Mitglieder konnten nur Deutsche sein, dies betraf die Kaufmanns- wie auch die Städtehanse. Ironie der Geschichte ist, daß einer der größten Widersacher der Hanse, der skandinavische Unionskönig Erich von Pommern, dem pommerschen Herzogshaus entsprang. Er führte den die Hanse dauerhaft behindernden Sundzoll ein, endete aber als pommerscher Herzog in Rügenwalde.

Den städtischen deutschen Siedlern folgte die deutsche bäuerliche Bevölkerung, die zu großen Teilen Wald und Ödland urbar machte. Oft siedelten sich die deutschen Kolonisten neben slawischen Siedlungen an. Die deutschen Siedlungen wuchsen wegen der fortschrittlicheren Techniken (z.B. schollenwendender Pflug) und wegen des damit verbundenen wirtschaftlichen Erfolges so schnell, daß diese bald den Zusatz Groß erhielten (Groß Zastrow). Die ursprüngliche slawische Siedlung entsprechend hieß dann Klein Zastrow. Dieser Prozeß verlief weitgehend friedlich. Vertreibungen, wie sie 1945 stattfanden, waren fernab jeder Vorstellung.

Wenn auch zunächst die Slawen (Wenden) bei der Ansiedlung in den Städten benachteiligt wurden, setzte im ganzen Land rasch eine Assimilierung ein: Plattdeutsch wurde Umgangs- und bald auch Muttersprache für alle (teilweise auch Amtssprache). Dieser Prozeß markiert den Wendepunkt: die slawische Bevölkerung, die Pomoranen (Adjektiv: pomoranisch), verschmelzen mit den niederdeutschen Siedlern zu dem muttersprachlich niederdeutschen Neustamm der Pommern (Adjektiv: pommersch), der auch in seinem Selbstverständnis ein deutscher Stamm war. Daß aber bald auch Bürger mit slawischen Wurzeln, was ihnen freilich nicht mehr bewußt war, in den Hansestädten in das Patriziat aufsteigen konnten (im herzoglichen Verwaltungsapparat war vor allem der slawische Adel ohnehin vertreten), kann man an solchen Bürgermeisternamen wie Rubenow, Klinckow oder Sastrow ablesen. In Gollnow konnte sich nicht einmal der vom Herzog bestätigte Stadtname Vredeheide durchsetzen, stattdessen fand eine Rückbenennung statt – Hinweis auf ein zur Gründungszeit starkes slawisches Element dieser Stadt. Anders als bei den Bürgern und Bauern verhielt es sich mit dem pommerschen Herzogshaus, das sich seiner Verwandtschaft zu Polen durchaus bewußt war und hier auch eine entsprechende Heiratspolitik in diese Richtung betrieb. Der bedeutendste pommersche Herzog, Bogislaw X. (Pommern in einer Hand, Aufbau einer modernen Verwaltung) heiratete Anna von Polen, die somit Ahnfrau aller folgenden pommerschen Herzöge beider Linien (Wolgaster und Stettiner) bis zum Aussterben des Greifenhauses 1637 war.

Einen Sonderstatus in Pommern hatten die alten Deutsch-Ordenslande Bütow und Lauenburg. Mit diesen Ländern wurden die Pommernherzöge ab 1466 vom polnischen König belehnt, diese Lande gehörten nie zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation.

Mittwoch, 12. Januar 2011

Vertreibung und Potsdamer Konferenz

Für die Idee, die Deutschen aus ihrer Heimat zu vertreiben, waren Präzedenzfälle keine zwangsläufige Voraussetzung, aber diese erleichterten die internationale Rechtfertigung eines solchen Gedankens und diese Präzedenzfälle gab es: die Deportation der Armenier durch Türken und der „Bevölkerungsaustausch“ zwischenGriechenland und der Türkei. Letzteres zwischen beiden Staaten im Vertrag von Lausanne besiegelt. 
Jalta-Konferenz der Kriegsverbrecher Churchill, Roosevelt, Stalin

Gerade dieser Fall war dann später auch für den US-Präsidenten Roosevelt ein entscheidendes Argument, sich auf der Konferenz von Jalta mit einer von Stalin ins Spiel gebrachten „Umsiedlung“ von Deutschen aus jenem Gebiet, abzufinden, über das man sich schon auf der Teheran-Konferenz geeinigt hatte, daß es von Deutschland an Polen übergeben werden soll. Premier Churchill verdeutlichte in Teheran die Westverschiebung Polens zugunsten Russlands und zu Lasten Deutschlands mit dem legendär gewordenen Verschieben von Streichhölzern, worüber sich Stalin amüsiert haben soll. 


Karte des Polnischen Westinstituts 1944
Auf der Potsdamer Konferenz der drei Sieger Rußland, Großbritannien und USA wurde dann das fixiert, auf das sich Stalin bei der Vertreibung berufen konnte und worüber eigentlich auch schon in Jalta eine grobe Einigung erzielt wurde. Die Westalliierten haben sich hinter für diese dem Völkerrecht Hohn sprechende Abmachung entschuldigt, daß ihnen unter den Bedingungen gar nichts anderes übrig geblieben sei. Der Text, der die Vertreibung legitimieren soll, ist allerdings so gefaßt, daß er die Vertreibung von Deutschen aus den zum Deutschen Reich gehörenden Gebieten nicht hergibt. So lautet der betreffende Abschnitt XIII:

„Die Konferenz erzielte folgendes Abkommen über die Ausweisung Deutscher aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn: Die drei Regierungen haben die Frage unter allen Gesichtspunkten beraten und erkennen an, daß die Überführung der deutschen Bevölkerung oder Bestandteile derselben, die in Polen, Tschechoslowakei und Ungarn zurückgeblieben sind, nach Deutschland durchgeführt werden muß. Sie stimmen darin überein, daß jede derartige Überführung, die stattfinden wird, in ordnungsgemäßer und humaner Weise erfolgen soll.“

Es sollen also die Deutschen aus „Polen“ ausgewiesen werden, aber die Grenzen Polens sind noch gar nicht festgelegt, sondern sollten ja einer nachfolgenden Friedenskonferenz vorbehalten sein. Folglich wäre dieser Text nur die Grundlage für ein Polen vor Kriegsbeginn. – Es ist jedoch ohnehin müßig, hier eine Willkür gegen eine andere Willkür zu stellen, es bleibt alles reine, auch durch das damalige Völkerrecht nicht gedeckte Willkür (siehe dazu die Thesen des US-amerikanischen Wissenschaftlers Alfred de Zayas).


Dass Sowjets und Polen eine Potsdamer Legitimation für ihre Grenzziehung und das damit umsteckte Vertreibungsgebiet nicht wirklich brauchten, ist an der Gebietserweiterung für Polen über den Wortlaut des Potsdamer Protokolls hinaus erkennbar.

Dort heißt es noch in Abschnitt IX: 

„Die Häupter der drei Regierungen stimmen darin überein, daß bis zur endgültigen Festlegung der Westgrenze Polens die früher deutschen Gebiete östlich der Linie, die von der Ostsee unmittelbar westlich von Swinemünde und von dort die Oder entlang bis zur Einmündung der westlichen Neiße und die westliche Neiße entlang bis zur tschechoslowakischen Grenze verläuft [...] unter die Verwaltung des polnischen Staates kommen und in dieser Hinsicht nicht als Teil der sowjetischen Besatzungszone in Deutschland betrachtet werden sollen..." S.118
Aischmanns Buch enthält neue Daten zur Stettiner Frage
Dennoch wurde entgegen diesem Wortlaut Stettin und ein breiter Streifen westlich davon, einschließlich des Städtchens Neuwarp am Warper See (Ausbuchtung des Stettiner Haffs), auf der Grundlage sowjetisch-polnischer Verhandlungen, die in die sogenannte Schweriner Grenzvereinbarung vom 21. September 1945 mündeten, Polen unterstellt. Der in Heidelberg geborene polnische Verhandlungspartner Piotr Zaremba versuchte in den dazu in Greifswald vorangehenden Verhandlungen mit der Sowjetischen Militäradministration noch ganz Usedom unter polnische Kontrolle zu bringen, was jedoch hier an einem entschlossenen Njet der Sowjets scheiterte.

Polen versuchte schon vorher, vollendete Tatsachen zu schaffen. So ist noch ein Telegramm vom 4. September 1945 erhalten, in welchem des Landratsamt Randow aus Pölitz (auch westlich der Oder) einen Hilferuf in Richtung Schwerin ergehen lässt wegen Besetzung seiner Räume durch polnische Bürger. Hier ging Zarembas Taktik der vollendeten Tatsachen auf. S. 118 f





Dienstag, 11. Januar 2011

Polnische Ansprüche auf Pommern von 1917 bis zum Zweiten Weltkrieg

Polnische Postkarte aus dem Jahr 1939
Waren, was die konkreten polnischen Ansprüche auf deutsche Ostgebiete angeht, diese zunächst auf jene Gebiete konzentriert, die außerhalb des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation lagen plus Schlesien (auch Niederschlesien), aber ansonsten allgemein gehalten („bis zur Oder“, „bis zur Ostsee“), so wurden gegen Ende des Ersten Weltkrieges auch die Ansprüche auf den größten Teil Pommerns – seit 1232 in das Heilige Römische Reich integriert – sehr konkret. Es war der Arzt und Journalist Bolesław Jakmiak, der im Frühjahr 1917 in Moskau (!) ein Programm entwarf, das 1918 unter dem Titel „Die Westgrenze Polens“ der polnischen Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Jakmiak zog die Grenze die Oder hinauf bis zur Swinemündung, östlich davon war nach seiner Vorstellung Polen (also auch die Insel Wollin), westlich davon Deutschland (auch Stettin). Es scheint, als hätte – was den Grenzverlauf betrifft – Jakmiak schon damals den Protokolltext für die Potsdamer Konferenz (siehe unten) vorgegeben, denn auch danach würde Stettin weiterhin zu Deutschland gehören (allerdings – im Unterschied zu Jakmiak – Swinemünde nicht). Die Hinzunahme Pommerns zu Polen begründet Jakmiak sogar vordergründig ethnisch! So zeige die geringe Bevölkerungsdichte der preußischen Provinz Pommern, daß eine massenhafte Besiedlung gar nicht stattgefunden habe und folglich die dortige Bevölkerung eine alteingesessene, eine „pomoranisch-polnische“ sei. Was Jakmiak aus seiner abstrusen Konstruktion ableitet, ist dann noch abenteuerlicher:

„Ich bin überzeugt, dass die ethnographisch slawische, aber eingedeutschte Bevölkerung unter günstigen Bedingungen, gestützt auf ein starkes slawisches Umfeld, leicht zur slawischen Familie zurückkehren könnte“ S. 285 – 

Hat man sich erst einmal so in wirklichkeitsfremden Konstruktionen verrannt, dann ist die Frage zu stellen, welche Schlußfolgerungen Jakmiak in seiner Enttäuschung aus der Uneinsichtigkeit der Pommern abgeleitet hätte? Doch wohl die, daß sie dann gehen müssten, so wie es nach der Veröffentlichung mit den Deutschen aus Westpreußen und Posen real geschehen ist. 

Polnisches Jubelplakat 1931
Der Status der Entwicklung des polnischen Westgedankens vom 19. Jahrhundert bis zu zum Ersten Weltkrieg zeigt den klaren Befund, daß bereits vor Ausbruch dieses Krieges alle ideologischen und mentalen Voraussetzungen für eine Vertreibung vorhanden waren, um bei einer Besitzerlangung preußischer bzw. deutscher Ostprovinzen die ansässige und sich nicht zum Slawen- bzw. Polentum bekennende Bevölkerung zu vertreiben. Dies ist dann auch für die Zeit vor dem Ausbruch des folgenden, des Zweiten Weltkrieges durch Schriftzeugnisse zu belegen. 

Was die Ausdehnungsvorstellungen angeht, wird noch einmal zugelegt. In dem Buch von Josef Kisielewski „Die Erde bewahrt das Vergangene“ wird mit dem Zitat eines Gedichtes von Adam Naruszewicz der Zielhorizont erweitert: „Wir waren an der Elbe, man hat uns hinter die Oder gedrückt“ S.8 Im Blick auf den auch von Polen erwarteten Krieg schreibt Kisielweski 1939: „Günstige Winde der Geschichte beginnen unsere Segel zu blasen [...] Es ist ein ungewöhnlicher Augenblick gekommen, der für ein Volk günstig ist, das durch seine Tapferkeit, seine Arbeit, seinen Mut fähig ist, sich eine unerschütterliche Macht zu schaffen. [...] Es handelt sich nur darum, daß diese Gelegenheit nicht verpaßt wird.“ – Das Buch erschien in Posen unmittelbar vor Ausbruch des Krieges!

Wie solche Sprache der polnischen Intellektuellen sich auf der Ebene des Volkes ausnimmt, ist am Text eines Flugblattes des Vorbereitungsausschusses der Grunwald-Feier 1939 (Andenken an die Schlacht bei Tannenberg 1410) zu ersehen: „Wir werden zurücknehmen, was uns der Deutsche weggenommen hat an Elbe, Oder und Weichsel.“

So weit also die Formulierung von polnischen Territorialansprüchen unmittelbar vor dem Zweiten Weltkrieg. Überaus bedeutsam, was eine Vertreibung von Deutschen aus den mit Gewalt zu erwerbenden Territorien angeht, ist der Klartext des Thorner Blattes Słowo Pomorskie: „Deshalb sagen wir Polen heute ganz deutlich: Geht dahin zurück, woher Ihr gekommen seid! Auf Schubkarren, die von Hunden gezogen wurden, kamt Ihr angekarrt. Ihr brachtet nur schlechtes Unterbett mit. Mit einem solchen könnt Ihr wieder losziehen.“ S. 9 Dies ist faktisch die verbale Antizipation der sechs Jahre später tatsächlich erfolgten Vertreibung. Dazu bedurfte es also der Kriegsgeschehnisse nicht, die folgten dann bald mit schrecklichen Taten von Deutschen, z.B. mit der physischen Vernichtung, also Ermordung der polnischen Elite, aber auch mit Verbrechen von Polen wie z.B. die bis dahin unvorstellbaren Pogrome an der deutschen Minderheit im Bromberger Gebiet (der sogenannte Bromberger Blutsonntag) unmittelbar nach Kriegsausbruch.



Freitag, 7. Januar 2011

Vertreibung und Pommern


Die Provinz Pommern war im Gefolge des Zweiten Weltkrieges – beginnend mit der Besetzung durch die Rote Armee ab Ende Januar 1945 – wie andere Reichsprovinzen (Ostpreußen, Schlesien, Ost-Brandenburg und ein Zipfel Sachsens) sowie weiteren deutschen Siedlungsgebien außerhalb der Reichsgrenzen von 1937 (Sudendeutsche, Westpreußen, Banater Schwaben, Siebenbürgendeutsche u.a.) von der Vertreibung ihrer ansässigen deutschen Bevölkerung betroffen, d.h. von der gewaltsamen und unter Druck betriebenen dauerhaften Verbringung der Bevölkerung von ihren angestammten Heimatorten. 

Dies betrifft auch die Bevölkerungsteile, die vor Herannahen der Front in Richtung Westen geflüchtet sind, denn ihnen wurde nach Beendigung der Kampfhandlungen die Rückker verwehrt oder aber man schickte sie zurück, um sie von dort erneut zu vertreiben. 

Die Vertreibung war mit zahlreichen flankierenden Zwangsmaßnahmen verbunden, zunächst durch ungeheuere Brutalität der Roten Armee gegenüber der Zivilbevölkerung (Morde, Brandschatzung, Vergewaltigungen), später durch Drangsalierungen von der neu angesiedelten polnischen Bevölkerung und Verwaltung. Da Pommern zu vier Fünfteln unter polnische Verwaltung gestellt wurde, wurde dieses Gebiet entgegen dem Wortlaut des Potsdamer Abkommens (siehe unten) als zum polnischen Staat zugehörig betrachtet und die Bevölkerung (etwa 50 bis 60 Prozent der ursprünglichen Provinzbevölkerung) ohne jegliche völkerrechtliche Grundlage vertrieben. 

In Pommern läßt sich die Bevölkerungszahl des Vertreibungsgebietes im Gegensatz zum Gesamtkomplex der Vertreibung (Schätzungen zwischen 12 und 15 Millionen Deutsche) ziemlich genau ermitteln: Es sind etwa 1,89 Millionen, dem stehen verbliebene ca. 0,5 Millionen Einwohner in Vorpommern gegenüber. 

Man wird davon ausgehen müssen, daß etwa ein Fünftel der Vertriebenen die Flucht und Vertreibung bzw. die damit zusammenhängenden Umstände nicht überlebt hat, die Überlebenden waren schwer traumatisiert. Die häufigsten Todesursachen waren Gewalteinwirkung (Beschuss von Trecks, willkürliches Erschießen nach Einmarsch, Tod durch Deportation nach Rußland, Hunger, Infektionskrankheiten, vor allem Typhus, Ruhr und Diphtherie usw.) Die Vertreibung der Bevölkerung aus Pommern (in oben umrissenem Umfang) ist in der pommerschen Geschichte beispiellos. Selbst der Dreißigjährige Krieg, der mit einer Teilung Pommerns unter zwei Mächte (Schweden und Preußen) endete, ging nicht mit einer Vertreibung der ansässigen Bevölkerung einher, auch erfolgte nicht etwa eine Zusiedlung aus Schweden.

 
Die Vertreibung ist ein Verbrechen und wie andere Verbrechen ist die Vertreibung auch eine Nachahmungstat. Sie beinhaltet auch das Rachemoment, aber ihr liegen dennoch Ideen und Programme zugrunde, die nichts mit Rache – oft als „verständliche“ Folgereaktion hingestellt – zu tun haben. Diese Ideen zielen auf ethnisch reine Gebiete, für deren Durchsetzung letztlich nur ein gewonnener Krieg geeignet ist. Die Ideen sind nicht etwa eine reflexartige Reaktion auf ein im Krieg erlittenes Unrecht, sondern sie gehen einem Krieg weit voraus, sie sind geeignet, das mentale Vorfeld eines Krieges, speziell aber das Vorfeld für die physische Vertreibung zu schaffen. Ohne diese ideologische und mentale Vorbereitung ist eine Vertreibung auch im Gefolge eines gewonnenen Krieges gar nicht zu realisieren. 

Die Brutalität der deutschen Organe (Vertreibung von Polen aus dem Wartheland, planvolle Dezimierung der polnischen Intelligenz) wirkte sich sicher als Brandbeschleuniger für eine Lunte aus, die schon lange gelegt war. Ein Krieg an sich führt nicht zwangsläufig in die Vertreibung. 

Es hat in Europa zahlreiche, brutale Kriege gegeben, an deren Ende auch Gebietsveränderungen standen, jedoch ohne die Vertreibung der von diesen Gebietsveränderungen betroffenen Bevölkerungen. Anders sieht dies bei den nach Ende des Zweiten Weltkrieges unter polnische Verwaltung gestellten deutschen Ostprovinzen aus. Frühere bzw. vorausgehende Gebietsansprüche sind also eine Voraussetzung für eine spätere Besitzergreifung. Nach erfolgter Besitzergreifung stellt sich dann sofort die Frage, was man mit der ansässigen Bevölkerung macht – integrieren oder vertreiben – nach 1919 wurde von Polen beide Wege gleichzeitig gewählt. Gebietsansprüche auf die deutschen bzw. preußischen Ostprovinzen im Falle des Wiedererstehens eines polnischen Staates gab es bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Dabei schaukelten sich die Ansprüche im Laufe der Zeit immer höher, zwar nicht sofort die gesamte Gesellschaft erfassend, aber sie waren virulent vorhanden und bei entsprechender Situation sofort abrufbar.